Die Eurobike 2026 fand inmitten der frühesten, historisch zweitlängsten und nachweislich heißesten Hitzewelle statt, die jemals in Deutschland gemessen wurde. Auch im Vorfeld ging es bereits heiß her. Nachdem in 2025 ein stetiges Hin und Her zur Zukunft der Messe aufkochte, welches in der Zwischenzeit mit Blick von außen fast zu einem guten Ende gekommen schien (oder auch hier; Anm. d. Red.), zeigte sich das Tischtuch kurz vor Messebeginn endgültig zerschnitten. Trotz der Ankündigung einer neuen Weltleitmesse in Köln ließen sich die Macher in Frankfurt den Spaß an ihrer langjährig bestehenden Messe aber nicht verderben.
Für uns zeigte sich der Eurobike Media Day als Einstieg in das diesjährige Event, wo wir noch während des laufenden Aufbaus der Messestände bereits einige Neuheiten entdeckten oder natürlich mit den Ansprechpartnern der Hersteller ins Gespräch kamen. Was man bereits sehen konnte: bisher führende Marken hatten für dies Jahr das Feld geräumt und Newcomern das Feld überlassen. Und die haben ihre Chance genutzt. Und wie.
Die offizielle Eröffnung fand dann am nächsten Tag statt, bei welcher fairnamic-CEO Philipp Ferger die Messe feierlich eröffnete. Neben Mike Josef, Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt am Main, der die Bedeutung von Frankfurt als Fahrradstadt deutlich hervorhob und die Messe daher in Zukunft weiter dort verortet sieht, war auch Hessen Ministerpräsident Boris Rhein vor Ort.
Er betonte in seiner Rede die große Bedeutung der Weltleitmesse am Standort in Frankfurt am Main und auch die Wichtigkeit des Radverkehrs allgemein und deren Ausbau. Die zentrale und verkehrstechnisch sehr gute Lage der Messe böte die besten Voraussetzungen für eine Weiterführung.
Hessens Ministerpräsident und Frankfurts Oberbürgermeister zerschnitten dann gemeinsam mit Iris Reimold, Leiterin der Abteilung Straßenverkehr im Bundesministerium für Verkehr, sowie Wolfgang Marzin, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Frankfurt GmbH und dem fairnamic-CEO das Band zur Eröffnung der 34. Eurobike.
Schon vor dem offiziellen Teil stellte sich ein großer Andrang am Amflow-/ Avinox-Stand in Halle 12 ein. Dieser befand sich gleich gegenüber der Position, wo Bosch eBike Systems jahrelang seinen Messestand hatte. Dort hatte sich Gobao mit einem riesigen Stand eingerichtet, an welchem die zahlreichen Neuheiten des chinesischen Herstellers gezeigt wurden.
War die größte Neuheit von Avinox, der MG-Antrieb, noch Zukunftsmusik, so zeigten sich die Antriebe von Gobao soweit fortgeschritten, dass schon bald entsprechend ausgerüstete Pedelecs erscheinen werden. Diese werden dann dank im Motor integrierten eCVT vom Wegfall einer zusätzlichen Schaltung profitieren.
Die Gobao-Antriebe waren in Testmustern eingebaut, die von Radiate Engineering aufgebaut wurden und konnten so direkt getestet werden. Das haben wir uns natürlich nicht entgehen lassen und bei nächster Gelegenheit eine Runde über das Messegelände gedreht. Insgesamt funktionierte das System bereits ganz gut, wenngleich manche Übergänge vom Beschleunigen zum Verzögern noch etwas ruppig erschienen. Das Geräuschniveau war gering.
Das konkurrierende MG-System von Avinox, für welches die Chinesen bereits zur ersten Vorstellung eine Reihe gestandener Fahrradmarken als Partner (Commencal, Canyon, Mondraker, Forbidden oder Megamo) präsentierte, war leider noch nicht für eine Probefahrt bereit.
Viele Leute fragten draußen nach einer Probefahrt mit dem Konzeptmotor, wir zogen es aber vor, erst einmal eine Runde mit dem brandneuen Avinox M2 zu drehen, um einen Eindruck der Verbesserungen gegenüber dem ersten Antrieb der Chinesen zu sehen. Abseits entsprechender Pfade, um die Leistungsfähigkeit richtig einschätzen zu können, war dies ein eher nicht zu erreichendes Unterfangen.
Die Probefahrt mit dem brandneuen Amflow TL Carbon mit TRP E.A.S.I.-Schaltung zeigte aber auf, wie gut zusammen abgestimmte Antriebsstränge funktionieren können. Die Schaltung funktionierte auf hohem Niveau, nur eine Automatikfunktion, wie es die Integration ins Bosch-System beinhaltet, ist (noch) nicht verfügbar.
Mit dem Intradrive stand im Außenbereich aber ein anderer, funktionierender Antrieb mit integriertem Getriebe zur Probefahrt bereit. Dieser Motor basiert aber nicht auf einem eCVT, sondern integriert ähnlich wie die Pinion MGU ein Zahnradgetriebe mit 8 Gängen (480 % Spreizung), auf welchem die bis zu 700 Watt Leistung auf die Kette (bzw. den Riemen) übertragen werden.
Er war in einem Alutech e-Fanes eingebaut, allerdings immer noch im Vorproduktionsstatus. Im Vergleich zur Pinion MGU zeigte sich das Geräusch über die gesamte Gangbreite als gleichbleibendes Sirren, wobei uns die Bedienung der Gänge per einmaligem Knopfdruck und Unterstützungsstufe per LongPress nicht optimal vorkamen. Aber das kann sich ja noch ändern.
Bei all den neuen Antrieben besteht für die Fahrradhersteller die Gefahr, ihre Unverwechselbarkeit zu verlieren, falls das nicht schon früher geschehen ist. Hier ist Aventon vielen Konkurrenten einen Schritt voraus, denn die im Frühjahr hierzulande eingeführte Marke hat zusammen mit Gobao ihr eigenes Antriebssystem entwickelt.
So kann die Brand aus Kalifornien genau steuern, wie sich der Antrieb in welcher Situation verhalten soll, welche Funktionen das ganze Ökosystem bieten soll und hat auch Zugriff auf die Bedienelemente, die zusammen mit anderen Details die Pedelecs unverwechselbar machen.
Ein erster Testride auf dem Messegelände in Frankfurt bestätigt das. Der Antrieb im Aventon E-SUV-Bike fühlt sich anders an als bekannte Antriebe von Gobao (z.B. von HEPHA), die wir schon ausprobiert hatten, er ist hier leiser und scheint besser auf das jeweilige Pedelec abgestimmt zu sein.
Die Bedienung wirkt wie aus einem Guss und zeigt sich nicht wie nachträglich integriert, wie man es oft bei Integrationen anderer Antriebssysteme sieht. So sollte man die Entwicklung von Pedelecs angehen, wenn man seine eigene Identität bewahren möchte.
Auch die hauseigene Pedelec-Marke HEPHA von Gobao geht dies so an und hatte mit dem Urban X sogar ein neuartiges E-Bike am Start, welches eine radikal vereinfachte Bedienung mitbringt. Auf das ungewöhnlich gestaltete Modell sollen sich Nutzer einfach nur draufsetzen und losfahren, ohne sich mit einer komplizierten Bedienung herumschlagen zu müssen.
Dafür greift man auf die von Gobao vorgestellte X-Serie zurück, ergänzt diese aber noch um einen Rekuperationsfunktion, die per Rückwärtstreten aktiviert wird. Die Bremswirkung ist enorm, so dass man kaum noch auf die herkömmliche, zur Sicherheit noch verbaut Bremsanlage zurückgreifen muss.
Insgesamt ein sehr spannendes Konzept, welches vom (unbedarften) Nutzer her gedacht wurde und so auch Leute aufs E-Bike bringen könnte, die vorher nichts damit am Hut haben wollten. Die Schnellladestationen und die von den aktuellsten HEPHA-Modellen bekannten Funktionen wie Diebstahlschutz durch die integrierte Wegfahrsperre und Alarmanlage könnten tatsächlich einen Unterschied machen.
Auch das Nijland Suelo reiht sich als stark vereinfachtes Pedelec in die Neuheiten-Riege der Eurobike ein und bringt einen sehr breiten und tiefen Einstieg mit optimierter Motorposition und Anfahrhilfe per Daumenhebel. Dafür hat das niederländische Unternehmen Nijland Cycling dieses Jahr zu Recht den Eurobike Gold Award bekommen.
Kumo stellt ein kompaktes Pedelec vor, welches die Formensprache der Marke auch in dieses Segment bringt. Die gebogene Kettenstrebe wirkt optisch flott, der kräftige Bafang-Antrieb in Verbindung mit dem Zahnriemen wartungsfrei und die Komponenten lassen danke Speedlifter Twist und Klapppedale ein platzsparendes Parken im Wohnmobil oder Keller zu.
Toni von LEMMO hat neues Zubehör für das Zero dabei, welches wir gleich einmal auf eine Testrunde mitgenommen haben. Man merkte an manchen Stellen schon eine (gewollte) Verwindung des Rahmens, was sich aber nicht als problematisch darstellte.
Zudem hatte er eine neue, verfeinerte Version des Zero mit dabei, die jetzt mit elektronischer KI-Schaltung (Collab.Ride) und auch hydraulischen Scheibenbremsen aufwartet. Die neue Variante ist aber noch nicht veröffentlicht. Bleibt daher dran an unserem Magazin, denn hier werdet ihr als Erstes erfahren, wenn das neue E-Faltrad verfügbar wird oder wie es sich fährt.
Weg vom E-Faltrad, hin zu einer ebenfalls verfeinerten Technologie. Das Cixi-Antriebssystem PERS kommt ohne Kette aus und treibt als serieller Hybrid mittels Generator samt Pufferbatterie und starkem Hinterradantrieb an. Wir haben dies an einem Modell von Radkutsche ausprobiert, was sehr gut geklappt hat, auch den künstlichen Berg des Parcours auf dem Messegelände hinauf.
Auch ein Modell von Atelier Heritage haben wir damit um den Kurs gejagt, was dank sattem Fahrgefühl auch richtig Spaß gemacht hat. Die Angst, aufgrund leerer Batterie ohne Saft liegenzubleiben, zerstreute Cixi später mit einem Video, wo man die Batterie herausgenommen hatte und einzig mittels Generator über die Pedalumdrehungen vorwärtsfahren konnte.
Mit einem riesigen Stand in Halle 11 zeigte Eurobike-Rückkehrer Canyon auf, wie man sich die Zukunft vorstellt. Wir hatten im Vorfeld sowohl über den Stingr Smart-Helm und dessen Anbindung an das Canyon Predict System berichtet. Auf Basis dieses Konzeptfahrzeug möchte man die Sicherheit im Straßenradsport grundlegend weiterentwickeln.
Auch das Roadlite:ON CF war am Stand der Koblenzer zu sehen, welches wir bereits in Hamburg bei der Präsentation der Neuheiten von Bosch eBike Systems für 2027 näher begutachtet hatten.
Ebenfalls war ein ziemlich sleekes E-MTB zu sehen, welches als Next Gen Trail E-MTB bezeichnet wurde (sorry für die Unschärfe). Eventuell kommt es mit dem Avinox MG-Antrieb?
Wir hatten uns noch Neuerungen bei Comodule zeigen lassen, die sich aber eher an OEMs und Flottenbetreiber richten, eventuell auch an Fahrradhersteller. Diese bekommen mit der Konnektivitätsplattform einen Überblick über den Status und Nutzung „ihrer“ E-Bikes und können auch eingreifen. Natürlich die Erlaubnis der Besitzer vorausgesetzt.
In eine ähnliche Kerbe schlägt OKGO, „das offene E-Bike Betriebssystem“. Hier kann man E-Bike verschiedener Plattformen (auch das smarte System von Bosch) integrieren und sieht dann z.B. den Status der jeweiligen Pedelecs inklusive Softwarestand. So könnte man alle Modelle gleichzeitig auf denselben, aktuellen Softwarestand bringen oder Ähnliches. Interessant, aber leider erfährt man nicht allzu viel, wie genau man die Daten seiner Nutzer schützt.
Wichtig fanden wir auch die Ausstellung zur „Feinmobilität“, die eindrucksvoll aufzeigte, dass viele Menschen im Alltag oder auch bei der Arbeit mit viel zu großen und schweren Fahrzeugen unterwegs sind. Wer braucht schon 400 PS und 3t Stahl um sich herum, um in der Stadt unterwegs zu sein?
Es gibt passendere Fahrzeuge, die weniger raumgreifend sind und besser zur jeweiligen Situation passen, inkl. Rücksichtnahme auf Platz, Energieverbrauch, Lärmbelastung und Ressourcenverbrauch. Schaut euch die Bilder hier an und fragt euch, in welcher Stadt oder welchem Ort möchtet ihr leben?
Oft bemängeln Hersteller und Händler ja rückläufige Verkäufe. Allerdings könnten durch eine gezielte Ansprache und Aktivierung von Frauen bis zum Jahr 2030 zusätzliche Umsätze zwischen 520 und 950 Millionen Euro generiert werden. Allein auf den Fahrradverkauf entfiele dabei ein Potenzial von bis zu 570 Millionen Euro. Berücksichtigt wurden neben Fahrrädern auch Zubehör, Bekleidung sowie Service- und Reparaturleistungen.
Frauen machen 51 % der Bevölkerung aus, generieren aber nur 38 % des Umsatzes im Fahrradsegment und das bei einem Marktvolumen von 4,46 Mrd. Euro. Bis 2030 könnte ihr Anteil um 2–4 % wachsen, während der Gesamtmarkt stagniert. Über das bis 2030 prognostizierte Zusatzpotenzial hinaus verweist die Studie von Women in Cycling Germany und der IFH Köln sogar auf ein noch größeres theoretisches Marktvolumen.
Man sieht, es mangelte auch bei der Eurobike 2026 nicht an Themen, wobei wir aufgrund der Länge des Artikels vielleicht sogar ein paar ausgelassen haben, die später noch beleuchtet werden. Von vielen Marken, die nicht ausstellten, waren auch Leute vor Ort. Das Interesse war also trotzdem da, aller Unkenrufe zum Trotz.
Wir jedenfalls würden es begrüßen, wenn die Branche sich zusammenrauft und einen gemeinsamen Ort und Zeitpunkt findet, um sich zusammenzufinden. Ob man jetzt einen riesigen Stand haben muss, oder nur eine Auswahl der Highlights mitbringt: Am Ende geht es um Menschen, die sich austauschen möchten und dabei sollte man auch die Endkunden nicht ausschließen. Denn die sind schließlich mit und auf den Produkten unterwegs.
Zum Schluss noch einige unkommentierte Highlights der Messe in Frankfurt.
Was meint ihr?
























































































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