Der kleine Packesel kann einem im Alltag viel Last und Arbeit abnehmen
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Wir haben zuletzt das Tern HSD S+ für einen längeren Zeitraum getestet. Das erst im letzten Jahr vorgestellte Modell ist auf den ersten Blick eine kleinere Ausgabe des Tern GSD, soll diesem aber in Sachen Vielseitigkeit, Nützlichkeit und Performance nahezu ebenbürtig sein. Das wollten wir ausprobieren und haben mit dem Modell einige Testkilometer mit und ohne Beladung zurückgelegt. Hier unser Bericht.

Tern HSD S+ als Ersatz fürs Auto?

Das HSD S+ ist das Top-Modell der erst im letzten Jahr eingeführten Serie von Tern und bringt die brandneue Enviolo Sport 380 AUTOMATiQ Nabe mit, die den Komfort deutlich erhöhen soll. Als praktisches und wartungsarmes Modell für vielbeschäftigte Familien ist es zudem mit einem Zahnriemen von Gates ausgerüstet, welcher so gut wie keine Pflege oder Wartung benötigt.

Tern HSD S+ 2020 im Test

Tern HSD S+ 2020 im Test

Beim ersten Begutachten stellt man fest, dass das Modell trotz der kompakten Größe recht schwer ist. Dicke Rohre bilden den Rahmen, der allerdings auch ein zulässiges Gesamtgewicht von bis zu 170 Kilogramm ermöglicht (max. Fahrergewicht 120 kg). Als weitere Folge der Bauweise profitieren Nutzer dann von einem stabilen Fahrverhalten des Modells.

Der Antrieb im Detail

Unser Testmodell brachte ausnahmsweise einen 400-Wh-Akku aus der Bosch PowerPack-Baureihe mit, in der Serie wird das Modell aber mit der 500 Wattstunden großen Variante ausgeliefert, mit welchem das laut Datenblatt knapp 27 Kilogramm schwere Modell im besten Fall bis zu 118 Kilometer weit kommen soll. Wir haben voll beladen mit Kind und Kegel bei Fahrten in hügeliger Topografie eine Reichweite von rund 50 Kilometern geschafft (Fahrstufen Tour und Turbo) und waren im Laufe der Fahrt froh, einen Ersatzakku mitgenommen zu haben.

Bosch Performance Line GEN3

Angetrieben wird das Tern HSD S+ vom ganz neuen Bosch Performance Line Antrieb der 3. Generation, der mit 65 Newtonmeter und einem nahezu unhörbaren Lauf eines der Highlights der im letzten Jahr präsentierten Neuheiten von Bosch eBike Systems war. Dieser hatte keine Mühe mit Modell, auch nicht bei voller Beladung oder am Berg.

Die Enviolo Nabenschaltung ist komplett neu entwickelt und bringt die AUTOMATiQ genannte Automatikschaltung mit. Diese wird dank eShift-Anbindung rein über das Intuvia-Display von Bosch bedient (Gut: keine weitere zusätzliche Bedieneinheit) und kann in mehreren Modi arbeiten. Die komfortabelste Variante ist natürlich der Automatik-Modus, bei welchem man einfach die gewünschte Trittfrequenz einstellt.

Enviolo Sport 380 Nabe

Diese Trittfrequenz (z.B. 80 U/min) wird dann möglichst gehalten, unabhängig ob die Strecke gerade oder steil ist oder ob man schnell oder langsam fährt. Soweit die Theorie. In der Praxis zeigte sich das System recht ausgereift, sorgte allerdings beim Erreichen von steilen Abschnitten auf der Strecke manchmal für eine Gedenksekunde, bis dann die Nabe “zurückgeschaltet” hatte.

Mechatronik der Enviolo AUTOMATiQ

Das Schalten selbst funktioniert zwar schnell, allerdings dauerte es oft doch ein kleines bisschen zulange, bis die Enviolo-Schaltung die Erfordernisse erkannt und die Übersetzung anpasste. Dann tritt man ein bisschen “ins Leere”. Der Schwung war daraufhin zeitweise dahin und der Fahrer bzw. die Fahrerin gefordert. Ob sich dies bei längerer Nutzung aufgrund der AUTOMATiQ-Intelligenz noch bessert, vermochten wir bei unserem Test nicht herauszufinden.

Intuvia mit Bosch eShift-Steuerung

Alternativ ermöglicht es einem die die Enviolo Sport 380 auch auf feste Gänge umzuschalten. Diese Funktion stellt einem neun dezidierte Gänge zur Verfügung, die sich nahezu wie eine reale Kettenschaltung anfühlen (bis auf die Geräusche natürlich). Somit konnte man vorausschauend vor steileren Anstiegen zurückschalten und den Schwung dann mitnehmen.

Die Ausstattung des Tern HSD S+

Unser Modell kam in der bei Tern “shake polish” genannten silbernen Farbgebung und brachte eine exklusiv für Tern gefertigte Federgabel vom Hersteller SR Suntour mit. Die gut funktionierende Gabel wurde zudem von einer Cane Creek® Thudbuster ST Feder-Sattelstütze* ergänzt, so dass man auch auf holprigen Strecken von gutem Komfort profitieren konnte.

Doppelte Sattelstütze mit Parallelogramm-Federstütze

Die Sattelstütze selbst ist übrigens zweifach ausziehbar (dank zwei schnellspannenden Sattelklemmen) und damit auch zur Nutzung durch extra lange Menschen geeignet. Tern gibt hier Körpergrößen von 150 bis 195 cm an. Der geschwungene Tern Sweep Lenker ist zudem an einem Tern Andros Vorbau befestigt, der eine weitere Verstellung in horizontale Richtungen ermöglicht, so dass das Modell so ziemlich für Jedermann passend eingestellt werden kann.

Lenker mit Andros-Vorbau von Tern

Aufgrund des Eigengewichts, aber vor allem aufgrund der möglichen hohen Zuladung empfehlen sich kräftige Bremsen. Tern hat sich in diesem Fall für die Magura MT4 entschieden, die während unseres Tests problemlos funktioniert haben. Einzig eine genauso große hintere Bremsscheibe wie die vordere könnte man sich angesichts der Zuladung und längerer Bergabfahrten noch wünschen.

In Sachen Komfort ist man gut aufgestellt, die Ergon-Griffe lassen auch bei längeren Fahrten einen angenehmen Griff ohne einschlafende Hände zu, der Tern HSD Sattel ist bequem, aber auch hart genug, dass man längere Strecken damit problemlos absolvieren kann. Zum guten Komfort gehören für uns auch die griffigen Pedale, die zwar aus Kunststoff gefertigt sind, aber mit einer Sandpapier-Einlage für einen guten Griff sorgen, ohne die Schuhe zu stark anzugreifen.

Atlas Gepäckträger beim Tern HSD S+

Als kleines Longtail-E-Lastenrad bringt das Modell einen ewig langen Gepäckträger mit, der mit bis zu 60 Kilogramm beladen werden kann. Wir hatten zwei große Satteltaschen an den zugehörigen Befestigungsrails hängen, während unser Sohn auf dem sehr empfehlenswerten THULE Yepp Maxi Kindersitz thronte. Die Befestigung des Kindersitzes gelingt ohne zusätzliche Halterung einfach durch bloßes Klemmen in den passenden Querstreben des Gepäckträgers.

THULE Yepp Maxi auf Tern HSD S+

Ebenfalls an Bord zeigt sich eine LED-Beleuchtungsanlage, die sich aus Tern Valo 2.1 Frontleuchte und Herrmans H-Trace Rückleuchte zusammensetzt. Ein gleichschließendes Rahmenschloß von AXA* ist ebenfalls verbaut. Klingel, Schutzbleche und Ursus Seitenständer* runden die komplette Ausstattung ab. Hier haben wir nichts vermisst.

Zubehör zum Tern HSD S+

Zum Testrad haben wir verschiedenes Zubehör bekommen, welches wir natürlich auch in unseren Test mit einbezogen haben. Neben besagtem Kindersitz, der unser Kind richtig begeistert hat und dieses auf jede weitere Fahrt hinfiebern ließ, stellte man uns noch einen Transporteur Rack* genannten Frontkorb und zwei Satteltaschen zur Verfügung. Im Rahmen war über dem Motor noch eine HSD Cache Box platziert, die in unserem Fall ein Kettenschloß von ABUS* aufgenommen hatte.

HSD Cache Box mit ABUS Schloss

Der Frontkorb lässt sich einfach per zweier Schrauben mit Schnellspannmechanismus an der Combo Mount Aufnahme an der Rahmenfront befestigen. 20 Kilogramm Zuladung stellt dieser bereit. Da dieser am Rahmen und nicht am Lenker befestigt wird, soll dieser die Fahreigenschaften nicht beeinträchtigen.

Transporteur Rack am Tern HSD

So war es auch, wir konnten bei unseren Fahrten mit Last vorne keinen negativen Einfluss auf das Handling des HSD S+ feststellen. Die Plattform in Euroboxen-Größe (300 x 400 mm) soll Bierkästen, aber auch Transportboxen und Kühlboxen von Drittanbietern aufnehmen können. Haben wir jetzt nicht direkt probiert, können es uns aber gut vorstellen. Im Rack sind praktischerweise Löcher zur Aufnahme von Getränkehaltern eingelassen.

Als äußerst praktisch im Test erwiesen sich die Bucketload Pannier Satteltaschen, die im eingefalteten Zustand gar nicht vermuten ließen, wie viel dann tatsächlich hineinpasst. Neben Spielzeug, Jacken und Wechselklamotten für unseren Kleinen, fand dort auch ein Reserve-Akku und einige Energieriegel Snacks für die gesamte Familie spielend ihren Platz. Die Zubehörliste von Tern ist lang. Wer möchte findet bei den Taiwanern alles für “sein spezielles Modell”.

Bucketload Pannier am Tern HSD S+

Die Fahreigenschaften des HSD S+

Das neueste Longtail-Pedelec von Tern ist schwer. Aber dafür ist es auch ziemlich lang (Radstand). Beides Eigenschaften, die es zum unaufgeregten Begleiter auf fast allen Wegen machen. Mit Beladung liegt es noch satter auf der Straße, während der Performance-Antrieb von Bosch kein Problem mit dem Gewicht zu haben scheint.

Die Räder in 20 Zoll sind kein Grund, auf längere Strecken zu verzichten. Im Gegenteil, sie bringen Wendigkeit und Agilität zurück, während sich das E-Bike dank großem Kettenblatt so einfach wie ein Modell mit größeren Rädern vorwärts bewegen lässt. Ebenfalls dadurch sinkt der Schwerpunkt auf ein niedriges Niveau, was das Fahren mit dem Tern HSD S+ noch sicherer macht.

Obwohl schon gut mit Federgabel und Parallelogramm-Sattelstütze unterwegs, haben sich die breiten Schwalbe Big Ben Reifen* in Sachen Komfort auf der Strecke als vorteilhaft erwiesen. Die griffigen Reifen sorgten neben ihren guten Fahreigenschaften dafür, dass manche Stöße die normale Federung gar nicht erreichten.

Pfiffige Details

Insgesamt merkt man dem Hersteller Tern seine lange Erfahrung in der Entwicklung solcher E-Bikes an. Der abklappbare Lenker kann am Rahmen befestigt werden, was das Modell für die Mitnahme im Kofferraum eines Autos präpariert. Ebenfalls kann das Modell bei Platzmangel in der Garage oder im Fahrradkeller auch einfach hochkant auf dem Gepäckträger geparkt werden.

Tern HSD S+ hochkant geparkt

Zahlreiche Montagepunkte lassen die Befestigung von Zubehör zu, die Standard-Batterie nimmt keinen Platz weg, denn sie ist dort untergebracht, wo sich bei anderen E-Bikes oft nur ein nahezu ungenutztes Luftloch befindet. Insgesamt prädestiniert sich das Modell in allen Facetten als regelrechter Autoersatz.

PRO
  • stabile Fahreigenschaften
  • hohe Zuladung
  • superleiser, kräftiger Antrieb
  • kräftige Bremsen
  • gut platzierte, ausreichend große Batterie
  • komplette Ausstattung
  • viel praktisches Zubehör
  • pfiffige Details
CONTRA
  • Enviolo AUTOMATiQ Reaktionszeit
  • hintere Bremsscheibe zu klein
  • schwer

Uns jedenfalls hat der Test riesigen Spaß gemacht und wir fahren deshalb lieber noch ein bisschen weiter. Wir haben ja alles dabei… 🙂

Transparenzhinweis: Das Tern HSD S+ wurde uns seitens des Herstellers für den Testzeitraum kostenlos zur Verfügung gestellt. Auf das Testergebnis und unsere Meinung hatte dies keinen Einfluss.

Letzte Aktualisierung am 14.08.2020 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API