Für Rocker zu weich, für den City-Pendler nahezu ideal
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Wir haben mit dem Serial 1 RUSH/CTY STEP-THRU eines der attraktivsten E-Bikes im 2021er Modellprogramm der neu gegründeten E-Bike-Marke aus den USA in der Praxis getestet. Als praktischer Commuter soll es alles mitbringen, was man für die tägliche Fahrt zur Arbeit und für regelmäßige Besorgungen in der Stadt benötigt. Wird das Modell dabei dem hohen Anspruch der dahinter steckenden Kultmarke gerecht?

Serial 1 RUSH/CTY STEP-THRU im Detail

Schon früh haben wir hier über E-Bikes von Harley-Davidson berichtet, die erstmals auf der Händlertagung in 2019 einem größeren Publikum vorgestellt wurden. Dass das damals vorgestellt Design zum Großteil den heutigen Serienmodellen entspricht, zeigt auf, dass sich die US-Amerikaner schon länger mit dem Thema beschäftigt hatten.

Serial 1 RUSH/CTY STEP-THRU

Zu den Kult-Motorrädern sollte allerdings schon eine Abgrenzung erfolgen, weshalb man die neue Marke Serial 1 gegründet hat. Der Markenname Serial 1 lehnt sich an den Spitznamen des ältesten, bisher kaum bekannten Motorrads von Harley-Davidson an, dem “Serial Number One”. Dieses hatte mehr mit einem Fahrrad gemein, als man vermuten mag und wurde z.B. noch über Fahrradpedale gestartet.

Harley-Davidson 1903; Bild: gemeinfrei

Fahrradpedale haben die modernen Modelle der Serial 1 Cycle Company natürlich auch, wobei diese aber auf den im Tretlagerbereich des Rahmens verbauten Mittelmotor wirken. Hierbei handelt es sich nicht um eine Eigenentwicklung, wie man beim Anblick der ersten Prototypen vermuten mochte, sondern um den im E-MTB-Segment häufig eingesetzten Brose Drive S Mag.

Brose Drive S Mag

Dieser zeigt sich zwar komplett verkleidet, wird aber optisch kaum kaschiert und wirkt damit wie zusätzlich am Rahmen angeflanscht. Das hat aber Methode, schließlich ist der Rahmen als moderne Variante eines bewährten Doppelrohrrahmens aufgebaut, wie er in ähnlicher Form immer noch bei den Harley-Davidson Motorrädern verwendet wird.

Nur dass zwischen den zwei Rahmenschleifen dann eben der Antrieb und darüber der eigens kreierte Akku mit 529 Wh integriert wurden. Über dem entnehmbaren Akku bleibt im sich aufteilenden Unterrohr noch Platz für ein kleines Staufach, welches unterwegs diverse Dinge und Snacks beherbergen kann. Seitens Serial 1 wurde es aber auf die Aufnahme eines Abus Kettenschlosses ausgelegt, so dass man das Modell jederzeit sicher in der Stadt anketten kann.

Man kann den optisch fließend gestalteten Rahmen als durchaus gelungen bezeichnen, wobei sich das Modell durch einzigartige Details von anderen Tiefeinsteigern abhebt. So bringt das Modell eine beleuchtete Serial-1-Plakette an der Stirnseite des Steuerrohrs mit, die quasi als Tagfahrlicht dient. Dazu sind an den Ausfallenden links und rechts jeweils Rücklichter mit Bremslichtfunktion eingelassen, die für gute Sichtbarkeit tagsüber, aber vor allem in der Nacht sorgen. Das helle Frontlicht thront vor dem Lenker und sorgt so für gute Sicht.

Apropos Lenker. Kaum findet man ihn so aufgeräumt vor wie am RUSH/CTY STEP-THRU. Sowohl das elektrische Kabel der Brose Allround Display-Bedieneinheit, wie auch die hydraulischen Leitungen für die Bremsanlage von TRP werden quasi unsichtbar in den Lenker geführt und verlaufen dann unsichtbar im Rahmen bzw. in der Starrgabel zu ihrem Bestimmungsort.

 

Der hochwertige Eindruck bestätigt sich auch bei der Auswahl der weiteren Komponenten, angefangen bei den eben schon angesprochenen Bremsen, welche auf den erst im letzten Jahr vorgestellten eBike-spezifischen Bauteile von TRP E-Bike Solutions aufbauen. Hier kommen zum Beispiel 2,3 mm starke Bremsscheiben mit einem Durchmesser von 203 mm zum Einsatz, die mittels speziell dafür ausgelegten Bremsbeläge in neu entwickelten Bremssätteln in die Zange genommen werden.

Ebenfalls sucht man eine schmutzige Kette vergebens am Serial 1 E-Bike, welches stattdessen einen wartungsarmen und sauberen Gates Zahnriemen mitbringt. Dieser wirkt auf die für 2020 neu vorgestellte Enviolo AUTOMATiQ Nabe, die das Schalten komplett übernimmt und die voreingestellte Trittfrequenz während der Fahrt möglichst konsequent einhalten soll.

Enviolo AUTOMATiQ

Praktisch für Pendler bringt das RUSH/CTY STEP-THRU vorne und hinten einen Gepäckträger mit, die mit jeweils 10 Kilogramm zwar nur eine überschaubare Zuladung bereitstellen, dafür aber für eine gute Gewichtsverteilung für ein komfortables und sicheres Cruisen ermöglichen sollen. Die Befestigung eines Kindersitzes auf dem Gepäckträger scheidet damit jedenfalls aus. Hier müsste allenfalls das Sitzrohr zur Befestigung herhalten.

Ergonomische Kontaktpunkte lassen auch längere Touren abseits der Pendelstrecke zu wobei man eventuell eine federnde Sattelstütze bzw. eine Federgabel an der Front vermissen könnte. Hier kommen die 2,4″ breiten Schwalbe Super Moto-X Reifen ins Spiel, die dann für den notwendigen Komfort auf der Strecke das knapp 27 Kilogramm wiegenden E-Bikes sorgen sollen. Stabile Schutzbleche sorgen für einen guten Wetterschutz, ein leicht verstellbarer Seitenständer für einen stabilen Stand bei Nichtbenutzung.

Im Fahrtest

Hat man sich auf das Serial 1 RUSH/CTY STEP-THRU geschwungen, was beim Tiefeinsteiger dank des breiten Durchstiegs problemlos funktioniert, kann es nach dem einfachen Einschalten des Antriebssystems per Taste an der Stirnseite der Brose Allround Fernbedienung auch schon losgehen. Die weitere Bedienung umfasst die Auswahl aus drei Untersützungsstufen, das Lenken und natürlich das Bremsen. Lästiges Schalten entfällt.

Auffällig war bereits auf den ersten Metern, dass sich der Lenker relativ zum Sattel doch relativ stark verwindet. So hatten wir dies noch bei keinem Tiefeinsteiger, wobei dies aber seitens Serial 1 durchaus beabsichtigt sein könnte. Eine Anfrage an die Marke wurde zwar weitergeleitet, blieb aber bis Redaktionsschluss leider unbeantwortet.

Die Verwindung sorgte beim ansonsten gänzlich ungefederten E-Bike für den gewissen Flex und so auch für eine Abdämpfung mancher Schläge, die den Fahrer sonst ungefiltert erreicht hätten. Problematisch für die Fahrsicherheit war diese Eigenschaft jedenfalls zu keinem Zeitpunkt, wobei sich das RUSH/CTY STEP-THRU direkt und zielgenau steuern ließ.

Gegen eine komfortable Fahrt arbeitete anfangs allerdings die Einstellung der Enviolo AUTOMATiQ Nabe, die von einem Spaßvogel auf weit über 80 U/min gesetzt wurde. Damit war ein Fahren in der Ebene bis zur Abregelgrenze des Motors zwar möglich, erforderte aber viel Körpereinsatz vom Fahrer und machte die komplette Fahrt demnach unkomfortabel.

Um dies zu ändern, stießen wir beim Test gleich auf ein Manko der Kombination Brose mit der Nabe von Enviolo, denn ein Umstellen der Trittfrequenz ist nicht einfach am Allround-Display möglich, sondern erfordert ein Smartphone oder Tablet mit installierter Enviolo-App. Erst dann können nach erfolgreicher Verbindung diverse Einstellungen an der Funktionsweise der Nabe vorgenommen werden und auch die Trittfrequenz auf einen bequemeren Wert zurückgesetzt werden.

Genügend Drehmoment für ein solches Cruisen bringt der Brose Drive S Mag Antrieb mit 90 Newtonmetern jedenfalls mit, so dass sich anschließend die Fahrten deutlich entspannter absolvieren ließen. Dabei war die Funktionsweise der Nabe im Weiteren gut auf den Antrieb abgestimmt und stellte auch am Berg schnell die passende Übersetzung zur Verfügung.

Das Fahrverhalten war immer gutmütig, auch bei höheren Geschwindigkeiten, wobei man jederzeit auf die kräftige Bremsanlage zurückgreifen konnte. Diese war in unserem Test auch hinsichtlich des hohen Gewichts des Pedelecs genügend groß dimensioniert und brachte hohe Reserven mit.

Der spezielle Rahmen wirkte auch nicht als besonderer Resonanzkörper für den Motor, so dass dieser auf unseren zahlreichen Fahrten überaus leise seinen Dienst verrichtete und zum guten Gesamteindruck seinen Teil beitrug. War man länger unterwegs, freute man sich auch einmal über einen Snack, den man leicht im kleinen Handschuhfach im Rahmen verstauen konnte. 😉

Staufach für wichtige Dinge

Am Ende der Tour kann der Akku entweder im E-Bike geladen werden, wofür man nur eine Gummikappe links seitlich am Motorgehäuse lösen muss. Alternativ kann der Akku mit seiner speziellen Form auch entnommen werden. Das hier zu öffnende Schloss liegt ebenfalls hinter einer kleineren Gummikappe und entriegelt den Akku so, dass er aus seiner Position etwas herausspringt und sich so einfach entnehmen lässt.

Insgesamt haben wir einen guten Eindruck vom Serial 1 RUSH/CTY STEP-THRU gewonnen, welches sich der zusätzlichen Bezeichnung “powered by Harley-Davidson” am Rahmen nicht zu schämen braucht und in Sachen Durchdachtheit, Detailverliebtheit und Qualität sich nicht hinter den meist knatternden Kult-Motorrädern verstecken braucht.

PRO
  • stabiler Rahmen mit dem gewissen Flex
  • kräftiger, aber leiser Brose Drive S Mag
  • gut abgestimmte Enviolo AUTOMATiQ
  • LED-Lichtanlage mit Bremslicht
  • gut dimensionierte Bremsanlage
  • ergonomische und bequeme Kontaktpuntke
  • zwei Gepäckträger
  • stabile Schutzbleche
  • stabiler Seitenständer
  • griffige, voluminöse Reifen
CONTRA

höheres Eigengewicht

Anpassung der Nabe nur über App möglich

kein Kindersitz möglich

Serial 1 RUSH/CTY STEP-THRU 2021

Serial 1 RUSH/CTY STEP-THRU

Motor: Brose Drive S Mag, 250 W, 90 Nm
Batterie: Serial 1 custom , 529 Wh
Display: Brose Display Allround + TFT-Display 1,5″ (zus. Serial 1 App)
Rahmen: Aluminium
Gabel: Aluminium
Schaltung: Enviolo AUTOMATiQ, 380 % stufenlos
Bremsen: Tektro 4-Kolben heavy-duty, 203 mm v/h
Laufräder: Aluminium 27,5″
Reifen: Schwalbe Super Moto-X
Ausstattung: Staufach, Schutzbleche, Gepäckträger 2x, LED-Licht
Gewicht: 27 kg (Größe M)
zul Gesamtgewicht: n/a
Preis: 4.599 EUR

Transparenzhinweis: Das RUSH/CTY STEP-THRU wurde uns seitens der Serial 1 Cycle Company  für den Testzeitraum kostenlos zur Verfügung gestellt. Auf das Testergebnis und unsere Meinung hatte dies keinen Einfluss.