Branche blickt dennoch optimistisch nach vorn und fordert politisches Umsteuern!
4 min Lesezeit

Die Radlogistik in Deutschland hat einen Dämpfer erhalten: Nach Jahren dynamischen Wachstums tritt das Ökosystem erstmals auf der Stelle. Das zeigt der aktuelle Branchenreport Radlogistik 2026, der vom Radlogistikverband Deutschland (RLVD) gemeinsam mit der Technischen Hochschule Wildau vorgelegt wurde. Die Zahlen belegen eine stabile Entwicklung allerdings ohne die bislang gewohnten Wachstumsraten. Als zentrale Ursachen nennt die Branche die schwache gesamtwirtschaftliche Lage sowie aus ihrer Sicht unzureichende politische Rahmenbedingungen.

Stagnation auf stabilem Niveau

Mit einem Gesamtumsatz von 189,5 Millionen Euro bewegt sich die Branche nahezu exakt auf Vorjahresniveau. Auch bei der Beschäftigung zeigt sich eine leichte Korrektur: 5.486 Menschen arbeiten aktuell im Radlogistik-Ökosystem, ein moderater Rückgang gegenüber dem Vorjahr. Im längerfristigen Vergleich bleibt die Entwicklung jedoch beachtlich, seit 2020 hat sich die Zahl der Arbeitsplätze mehr als verdoppelt.

Radlogistikverband

Die Produktionszahlen von Lastenrädern und Anhängern verharren bei rund 37.000 Einheiten jährlich. Parallel dazu ist die Zahl der operativen Radlogistikunternehmen leicht von 112 auf 107 gesunken. Dies wird als erstes Anzeichen einer Konsolidierung interpretiert, wie sie für reifere Märkte typisch ist.

Positive Klimabilanz und hohe Sicherheit

Ungeachtet der wirtschaftlichen Stagnation unterstreicht der Report die ökologische und verkehrliche Relevanz der Branche. Im Jahr 2025 wurden rund 5,4 Millionen Kilometer mit Lastenrädern zurückgelegt. Dadurch konnten etwa 1.400 Tonnen CO₂ eingespart werden.

Bemerkenswert ist zudem die Sicherheitsbilanz: Wie bereits in den Vorjahren gab es keinen tödlichen Unfall im Zusammenhang mit der Nutzung von Lastenrädern. Damit bestätigt die Radlogistik ihren Anspruch als sichere und stadtverträgliche Alternative im urbanen Wirtschaftsverkehr.

Wachstum in Teilsegmenten

Während die Zahl der Transportunternehmen leicht rückläufig ist, expandiert das Ökosystem in anderen Bereichen weiter. Die Zahl der Hersteller stieg um 8 Prozent, Segmente wie Handel, Service und Werkstätten legten um 6 Prozent zu.

Gleichzeitig erschließen Lastenräder zunehmend neue Einsatzfelder jenseits klassischer Logistikprozesse. Handwerk, kommunale Dienstleistungen und innerbetriebliche Transporte zählen zu den wachsenden Anwendungsbereichen ein Indiz für die zunehmende Diversifizierung der Branche.

Verhaltener Optimismus für die kommenden Jahre

Trotz der aktuellen Seitwärtsbewegung zeigt sich die Branche vorsichtig zuversichtlich. 84 Prozent der befragten Unternehmen erwarten für 2026 mindestens stabile Umsätze, rund die Hälfte rechnet mit Wachstum. Auch beim Personal planen viele Betriebe eine Ausweitung: 35 Prozent wollen zusätzliche Stellen schaffen, während 46 Prozent von einer konstanten Beschäftigtenzahl ausgehen.

Radlogistikverband Deutschland e.V.

Mittelfristig bleibt der Ausblick ambitioniert: Für die kommenden fünf Jahre wird ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 14 Prozent erwartet.

Politische Rahmenbedingungen im Fokus

Deutlich wird im Bericht auch die Erwartungshaltung gegenüber der Politik. Die Branche fordert einen konsequenten Ausbau der Fahrradinfrastruktur sowie Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit. Ein zentrales Anliegen ist zudem die Einführung von Zero Emission Zones in Innenstädten.

Darüber hinaus plädieren die Akteure für einen innovationsfreundlichen Rechtsrahmen für gewerbliche Lastenräder. In der Wirtschaftspolitik stehen eine verlässliche Förderkulisse, bessere Bedingungen für Start-ups sowie eine stärkere CO₂-Bepreisung auf der Agenda. Ergänzt wird der Forderungskatalog durch den Wunsch nach Bürokratieabbau und einer stärkeren Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien bei öffentlichen Ausschreibungen.

Stimmen aus Branche und Forschung

Ernst Brust, Vorstandsvorsitzender des RLVD, bewertet die aktuelle Entwicklung als Signal mit Handlungsbedarf: Die „rote Null“ sei ein Weckruf, aber kein Anlass zur Resignation. Das Fundament der Branche sei tragfähig, nun brauche es einen politischen Rahmen, der klimafreundliche Logistiklösungen konsequent fördere. Besonders hebt er die hohe Energieeffizienz von Lastenrädern hervor, die im Vergleich zu konventionellen Nutzfahrzeugen deutlich im Vorteil seien.

Ernst Brust

Auch aus wissenschaftlicher Sicht wird die Entwicklung differenziert eingeordnet. Christian Rudolph von der Technischen Hochschule Wildau betont, dass sich die Radlogistik in etablierten Märkten als robust erweise. Trotz Konsolidierung sei kein Einbruch zu erkennen, vielmehr halte die Innovationsdynamik an. Für die Forschung bestätige sich damit, dass die Radlogistik den Status einer Nische hinter sich gelassen habe und als eigenständiges Wirtschaftsökosystem weiter reife.

Ein Markt zwischen Reife und Aufbruch

Der Branchenreport 2026 zeichnet das Bild eines Marktes im Übergang: Die Phase des schnellen Wachstums ist vorerst beendet, strukturelle Anpassungen setzen ein. Gleichzeitig bleibt die Radlogistik ein zentraler Baustein für nachhaltige urbane Mobilität mit weiterhin guten Perspektiven, sofern die politischen Rahmenbedingungen nachziehen.