Vor zwei Jahren, im April 2024, wurde die European Declaration on Cycling von der European Commission, den EU-Mitgliedstaaten und dem European Parliament offiziell verabschiedet. Die gemeinsame Erklärung gilt seither als politischer Meilenstein für den Radverkehr in Europa: Erstmals wurde das Fahrrad auf EU-Ebene ausdrücklich als strategisch relevantes Verkehrsmittel positioniert mit unmittelbaren Bezügen zur Verkehrs-, Umwelt- und Industriepolitik.
Die fünfseitige Erklärung versteht sich selbst als „strategischer Kompass“ für bestehende und künftige Maßnahmen im Bereich Radverkehr. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass dem Fahrrad eine „zentrale Bedeutung für die europäische Gesellschaft und Wirtschaft“ zukommt. Insgesamt umfasst das Dokument 36 Einzelbekenntnisse zur Förderung des Radverkehrs.
Auch wenn die Erklärung rechtlich nicht bindend ist, verlieh ihr die politische Inszenierung bei ihrer Vorstellung erhebliches Gewicht: Sie wurde im Rahmen eines Treffens der EU-Verkehrsminister präsentiert, unter Beteiligung der damaligen EU-Verkehrskommissarin Adina Vălean sowie der Vorsitzenden des Verkehrsausschusses im Europäischen Parlament, Karima Delli. Ebenfalls vertreten waren die europäischen Branchen- und Interessensverbände European Cyclists’ Federation (ECF), Cycling Industries Europe (CIE) und CONEBI.
Acht Kapitel, ein breites politisches Spektrum
Die Inhalte der Erklärung sind in acht thematische Kapitel gegliedert. Sie reichen von der Entwicklung kohärenter nationaler Radverkehrsstrategien über Infrastruktur, Sicherheit und Multimodalität bis hin zu Radtourismus und Datenerhebung. Ein eigenes Kapitel widmet sich explizit der Fahrradwirtschaft.
Kapitel VI trägt den Titel „Förderung hochwertiger Arbeitsplätze und der Entwicklung einer europäischen Fahrradindustrie von Weltrang“. Bereits einleitend wird dort der industriepolitische Anspruch deutlich formuliert: Die zunehmende Nutzung des Fahrrads bringe „mehr hochwertige, wohnortnahe Arbeitsplätze“, stärke die europäische Wirtschaft und trage zur Umsetzung der EU-Industriestrategie bei.
Insgesamt listet die Erklärung in diesem Abschnitt sechs wirtschaftspolitische Maßnahmen auf. Dazu zählen unter anderem der Ausbau der europäischen Produktion von Fahrrädern und Komponenten, die Förderung von Langlebigkeit und Nachhaltigkeit bei Produkten, der Aufbau attraktiver Ausbildungs- und Beschäftigungsangebote sowie die Weiterentwicklung von Dienstleistungen wie Bikesharing und Radlogistik.
Damit wird die Fahrradwirtschaft nicht nur als Begleiterscheinung der Verkehrswende verstanden, sondern als aktiver Bestandteil einer industriepolitischen Transformationsstrategie.
Erste Umsetzungsschritte sichtbar
Im Oktober 2025 legte die European Commission einen ersten Fortschrittsbericht zur Umsetzung der Erklärung vor. Besonders im wirtschaftspolitischen Kapitel verweist die Kommission auf Beispiele einzelner Mitgliedstaaten.
Hervorgehoben wird dabei insbesondere Frankreich. Dort wurde bereits 2024 ein Branchenabkommen („contrat de filière“) mit der Fahrradwirtschaft geschlossen. Ergänzend wurde ein Investitionsfonds für die Branche unter dem Namen „Industries du Vélo“ eingerichtet. Dieser unterstützt inzwischen 28 Projekte entlang der Wertschöpfungskette mit einem Gesamtvolumen von rund 31 Millionen Euro.
Die Beispiele zeigen, dass die in der Erklärung formulierten industriepolitischen Ansätze in einzelnen Ländern bereits in konkrete Förderstrukturen überführt werden, wenn auch in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Intensität.
Bedeutung für die deutsche Diskussion
Für Deutschland ergibt sich daraus eine klare Anschlussfrage. Auch hierzulande wird der Radverkehr zunehmend als Bestandteil einer integrierten Mobilitätsstrategie diskutiert. Gleichzeitig bleibt die industrie- und wirtschaftspolitische Dimension bislang vergleichsweise schwach ausgeprägt.
Der Nationale Radverkehrsplan (NRVP 3.0) adressiert zwar zahlreiche Maßnahmen zur Förderung des Radverkehrs, enthält aber bislang nur begrenzt konkrete Instrumente zur systematischen Entwicklung der Fahrradwirtschaft als eigenständigen Industriezweig.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die europäische Perspektive an Relevanz: Die European Declaration on Cycling zeigt, dass Radverkehrsförderung und Industriepolitik auf EU-Ebene zunehmend zusammen gedacht werden. Infrastruktur, Verkehrssicherheit und Nachfrageentwicklung werden dort explizit mit Fragen von Wertschöpfung, Beschäftigung und industrieller Wettbewerbsfähigkeit verknüpft.
Zwei Jahre nach ihrer Verabschiedung hat die European Declaration on Cycling ihren Charakter als politisches Leitdokument weiter geschärft. Auch ohne rechtliche Bindung wirkt sie als Referenzrahmen für nationale Strategien und erste industriepolitische Programme in Europa.
Die zentrale Entwicklungslinie ist dabei klar erkennbar: Radverkehr wird nicht mehr ausschließlich als Verkehrs- oder Umweltpolitik verstanden, sondern zunehmend als Schnittstelle zur Wirtschafts- und Industriepolitik. Ob und wie schnell diese Perspektive in allen Mitgliedstaaten insbesondere in Deutschland strukturell verankert wird, dürfte eine der entscheidenden Fragen der kommenden Jahre bleiben.
Mehr Details unter: www.zukunft-fahrrad.org.




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