Neue Marktzahlen von Zukunft Fahrrad zeigen die Verbreitung von Sharing, Abomodellen und Mieträdern in Deutschland. Besonders gefragt sind Bikesharing-Angebote bei der Verknüpfung mit dem öffentlichen Nahverkehr.
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Fahrräder müssen nicht unbedingt gekauft werden, um im Alltag oder im Urlaub zum Einsatz zu kommen. Bikesharing, Fahrradabos und Mietangebote eröffnen unterschiedliche Möglichkeiten, Mobilität flexibel zu nutzen. Die zweite Marktdatenumfrage des Branchenverbands Zukunft Fahrrad zeigt, welche Größenordnungen diese Geschäftsmodelle inzwischen erreichen. Erstmals berücksichtigt die Erhebung neben privaten auch gewerbliche Fahrradabos sowie touristische Mieträder in einer wichtigen Urlaubsregion.

Zum Stichtag 1. September 2026 ermittelte Zukunft Fahrrad bundesweit 102.550 öffentlich zugängliche Bikesharing-Räder und rund 98.000 private Fahrradabos. Hinzu kommen geschätzte 12.500 bis 14.000 gewerbliche Fahrradabos. Allein an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns gibt es demnach zwischen 35.000 und 40.000 touristische Mieträder.

„Fahrräder zum kurzfristigen Leihen oder im monatlichen Abo sind attraktive Mobilitätsangebote mit großem Potenzial. Anbieter von Sharing-, Abo- und Mieträdern sind deswegen ein wichtiger Teil der Fahrradwirtschaft in Deutschland”, so Zukunft Fahrrad-Geschäftsführer Wasilis von Rauch.

Wasilis von Rauch, Geschäftsführer von Zukunft Fahrrad

Hohe Nutzung macht Bikesharing relevant

Gegenüber dem Vorjahr verzeichnete die Erhebung bei den Bikesharing-Rädern einen leichten Zuwachs. Die Zahl der privaten Fahrradabos ging dagegen leicht zurück. Neben den Bestandszahlen enthält die Auswertung auch Angaben zu den Anteilen von E-Bikes und Lastenrädern.

Die Bedeutung von Bikesharing lässt sich allerdings nicht allein an der Zahl verfügbarer Fahrräder messen. Entscheidend ist auch, wie intensiv die Fahrzeuge genutzt werden. Besonders erfolgreich sind Angebote, die in den öffentlichen Nahverkehr integriert sind und beispielsweise als Ergänzung zum Deutschlandticket dienen.

Wie hoch die Nutzung ausfallen kann, zeigt das KVB-Rad in Köln: Im ersten Halbjahr 2026 erreichte das System mit durchschnittlich sieben Nutzungen pro Fahrrad und Tag einen neuen Rekord. Insgesamt wurden 2,88 Millionen Fahrten registriert.

Auch die Verknüpfung mit Bus und Bahn spielt für andere Anbieter eine wichtige Rolle. Cornelius Kiermasch, Head of Shared Mobility bei Deutsche Bahn Connect, erklärt: „Bikesharing wird bei uns Jahr für Jahr stärker genutzt – besonders auf der ersten und letzten Meile zum und vom Bahnhof. Das zeigt: Fahrrad und Bahn ergänzen sich ideal, wenn das Angebot stimmt.“

Die Anbieter sehen deshalb weiteres Potenzial in einer besseren Abstimmung der Verkehrsmittel. Frieder Zappe, Teamleiter Mobilitätsdienstleistungen beim Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN) und Sprecher des DEPOMM-Arbeitskreises multimodale Angebote, sagt: „Die Fortentwicklung der Bikesharingsysteme zu regionalen Systemen, durch das Angebot verschiedener Fahrradtypen (insb. Pedelecs und E-Lastenräder) und durch die tarifliche Integration in ÖPNV-Systeme ermöglicht eine Verbesserung der multimodalen Angebote im Umweltverbund.“

Fahrradabos setzen auf Service statt Eigenreparatur

Bei privaten Fahrradabos gehört der Servicegedanke zu den wesentlichen Merkmalen. Reparaturen und Wartung sind im Preis enthalten. Nutzer müssen sich bei einem Defekt weder selbst um die Instandsetzung kümmern noch zusätzliche Kosten für die Reparatur einplanen. Ein regelmäßig gewartetes Fahrrad kann damit einen Anreiz bieten, es intensiver im Alltag einzusetzen.

Auch die geringere finanzielle Einstiegshürde spielt eine Rolle. Anstatt den Kaufpreis eines hochwertigen Fahrrads oder E-Bikes auf einmal aufzubringen, zahlen Kunden regelmäßig für die Nutzung.

Andre Illmer, Managing Director Country Operations bei Swapfiets, beschreibt das Modell so: „Ein Swapfiets Fahrrad- bzw. E-Bike-Abo kombiniert Nachhaltigkeit mit voller Flexibilität: Nutzen statt Besitzen, sofortige Verfügbarkeit und absolute Sorgenfreiheit dank Full-Service. Es nimmt Bürger die Hürde des teuren Kaufs und macht die gesunde, umweltfreundliche Mobilität sofort für jeden Alltag zugänglich.“

Bild: Swapfiets

Für Familien können Abomodelle zudem eine Möglichkeit sein, mit dem Wachstum von Kindern Schritt zu halten. Sebastian Reichelt, Mitgründer und CEO von StrollMe, erklärt: „Kinder wachsen aus hochwertigen Fahrrädern heraus, obwohl sie noch viele Jahre genutzt werden könnten. Mit dem Miet-Abo von StrollMe wird jedes Rad nach Rückgabe aufbereitet und an die nächste Familie weitergegeben – so bleibt es deutlich länger im Kreislauf.“

Auch Marc Walter, Geschäftsführer von ollo, verweist auf die Wiederverwendung: „Ein Abo-Modell bietet Familien eine unkomplizierte Lösung: Statt regelmäßig neue Räder anzuschaffen, erhalten die noch wachsenden Kinder stets ein passendes Fahrrad. Durch die professionelle Aufbereitung und Wiederverwendung der Räder werden Ressourcen effizient genutzt und ein Beitrag zu einer positiven Mobilitätskultur geleistet.“

Gewerbliche Fahrradabos für Lieferdienste

Die erstmals erfassten gewerblichen Fahrradabos richten sich vor allem an Essenslieferdienste. Im Mittelpunkt stehen intensiv genutzte E-Lieferbikes. Für selbstständig tätige Fahrer können solche Angebote eine Alternative zu günstigen, aber teilweise illegal motorisierten Fatbikes sein.

Wasilis von Rauch fordert deshalb sowohl eine konsequentere Marktaufsicht als auch mehr Verantwortung der Lieferdienste: „Es braucht ein gezieltes Eingreifen der Marktaufsicht gegen illegale Lieferbikes. Zudem müssen Lieferdienste stärker Verantwortung tragen für legale und verkehrssichere E-Bikes. Gewerbliche Fahrradabos mit lokalem Service stehen als Lösung bereit.”

Luis Orsini-Rosenberg, Gründer und CEO von CYCLE, sieht insbesondere bei Sicherheit und Wartung Handlungsbedarf: „Wer täglich Essen und Waren ausliefert, braucht ein verlässliches E-Bike. Doch wir beobachten zunehmend Fatbikes, die nicht verkehrssicher sind. Mit unserem Abo inklusive Wartung und Reparaturen bieten wir Kurier hochwertige E-Bikes, die geltende Sicherheitsnormen erfüllen, damit Sicherheit keine Frage des Budgets ist.“

Luis Orsini-Rosenberg mit dem 20FIFTY

Touristische Mieträder als Wirtschaftsfaktor

Auch im Fahrradtourismus sind Mietangebote ein wichtiger Bestandteil der Infrastruktur. Sie ermöglichen Urlaubern, vor Ort Rad zu fahren, ohne ein eigenes Fahrrad mitbringen zu müssen. Attraktive und gut sichtbare Verleihangebote können damit die Attraktivität einer Urlaubsregion erhöhen.

Die Erhebung für die Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns zeigt erstmals die Größenordnung dieses Segments in einer wichtigen Fahrradtourismus-Region. Die Daten bleiben allerdings unvollständig, weil zahlreiche kleinere Verleihbetriebe den Markt prägen.

„Die Menschen wollen Radfahren, diese Nachfrage bringt Wertschöpfung und Beschäftigung überall dorthin, wo es ein Angebot gibt”, so von Rauch. Er ergänzt: „Die Datenlage zu touristischen Mieträdern ist noch stark ausbaufähig. Dafür wollen wir mit unserer Marktdatenumfrage einen Impuls geben.“

Nicole Blefgen, Business Lead bei mietrad, hebt die Bedeutung digitaler Angebote hervor: „Für ein umfassendes Bild des Mietradmarktes muss auch die touristische Fahrradvermietung sichtbar werden. Mit mietrad vernetzen und digitalisieren wir Vermietbetriebe, stärken Onlinebuchungen und machen nachhaltige und gesunde Mobilität auch im Tourismus einfacher zugänglich.“

Zukunft Fahrrad fordert bessere politische Rahmenbedingungen

Neben den Marktzahlen thematisiert Zukunft Fahrrad die politischen Voraussetzungen für weiteres Wachstum. Nach Ansicht des Verbands fehlt bislang ein steuerlicher Anreiz für Fahrradabos und Bikesharing. Mobilitätsbudgets könnten eine Möglichkeit sein, diese Lücke zu schließen und Arbeitgebern zusätzliche Angebote für die Mobilität ihrer Beschäftigten zu eröffnen.

Wasilis von Rauch erklärt: „Bisher fehlt ein steuerlicher Anreiz für Fahrradabos und Bikesharing. Mobilitätsbudgets für nachhaltige Mobilität können diese Lücke füllen und Arbeitgebern ein wichtiges Angebot für Mobilität von Mitarbeitenden ermöglichen. Es wäre clever, Mobilitätsbudgets steuerlich zu vereinfachen. Aus Mitteln des EU Social Climate Fund könnten zudem Sozialtarife für Bikesharing und Fahrradabos finanziert werden.”

Auch die kommunale Verkehrsplanung ist aus Sicht der Branche entscheidend. Marie Baum, operative Leiterin von sigo green, sagt: „Bikesharing ist längst im Alltag vieler Menschen angekommen. Gerade in Städten mit wenig freier Fläche und hohem Verkehrsaufkommen schafft es mit vergleichsweise geringen Investitionen neue Mobilitätsangebote. Entscheidend ist, Sharing dort anzubieten, wo Wege beginnen: direkt im Wohnquartier.“

Michael Abraham, kommissarischer Geschäftsführer der Deutschen Plattform für Mobilitätsmanagement (DEPOMM) e.V., verweist auf die Finanzierung: „Bisherige Sharingsysteme und ihre Erfolge müssen trotz finanzieller Schieflage der Kommunen gesichert und im Sinne der Daseinsvorsorge weiterentwickelt werden. Politische Regularien – eingebettet in kommunales Mobilitätsmanagement – helfen mobilitätsgerechte Lösungen auch bei eigenwirtschaftlichen Angeboten zu erreichen.“

Für Ulrich Schmack, Geschäftsführer von Feine Räder, ist die Einbindung in die Verkehrsplanung ebenfalls zentral: „Wir sehen Bike- und Lastenrad-Sharing als Teil des öffentlichen Nahverkehrs. Damit Sharing sein Potenzial entfalten kann, muss es entsprechend in die kommunale Mobilitätsplanung und den ÖPNV integriert und als fester Bestandteil nachhaltiger Mobilität mitgedacht werden.“

Die Ergebnisse der Marktdatenumfrage verdeutlichen damit, dass sich die Bedeutung von Fahrrädern zunehmend auch über alternative Nutzungsmodelle erschließt. Ob im täglichen Pendelverkehr, bei Lieferdiensten oder im Urlaub: Entscheidend für die weitere Entwicklung sind neben dem Angebot insbesondere eine hohe Nutzungsintensität, verlässlicher Service und die Einbindung in bestehende Mobilitätsstrukturen.

Hier findet man die Marktzahlen Sharing/Abo/Miete übersichtlich aufgeschlüsselt: https://zukunft-fahrrad.org/marktzahlen-sharing-abo-miete/

Bilder: s. Kennz.