Ohne die nackten Zahlen ins richtige Verhältnis zu setzen, nutzt auch die schönste Statistik nichts

Erst Anfang dieser Woche war es wieder soweit: Das Statistische Bundesamt (Destatis) hat aktuelle Unfallzahlen mit Personenschaden für die ersten neuen Monate im Jahr 2017 herausgegeben. In der zugehörigen Publikation Verkehrsunfälle (Fachserie 8 Reihe 7 – Oktober 2017) findet man dann auch die Pedelec Unfälle 2017, die bei der reinen Betrachtung der Zahlen gegenüber dem Vorjahr um rund 31 Prozent gestiegen sind.

Doch, sind im vergangenen Jahr wirklich mehr Pedelec Unfälle passiert, wenn man die Zahlen in Relation setzt?

Gründe für mehr Pedelec Unfälle 2017?

Wie schon im letzten Jahr nehmen viele Medien die Zahlen zum Anlass, um auf die angeblich deutlich größere Anzahl Unfällen mit Beteilung von Pedelecs im Jahr 2017 hinzuweisen. Oft sogar mit der Botschaft verbunden, dass Pedelec-Fahren per se immer gefährlicher wird. Viele Leute sind zumindest verunsichert, wenn viele (große) Medien eintönig die gestiegene Gefahr für Leib und Leben beim Fahren eines Pedelecs im Straßenverkehr anprangern. Manche sehen sogar für ihren Teil komplett von der Nutzung eines Pedelecs oder E-Bikes ab.

Dabei gibt es bei nüchterner Betrachtung keinerlei besonderen Grund zur Sorge, wie wir schon letztes Jahr in einem ähnlichem Artikel deutlich gemacht haben. Denn in ähnlichem Maße wie die Pedelec Unfälle 2017 angestiegen sein sollen, hat sich auch der Zuwachs an Pedelecs im Bestand der Bundesbürger entwickelt. Um rund 680.000 Einheiten soll der Bestand laut einer Prognose des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV) angestiegen sein, was einem Zuwachs von rund 25 Prozent entspräche.

So betrachtet, relativiert sich der Anstieg an Unfällen mit Beteiligung von Pedelecs & E-Bikes deutlich und lässt sich einfach gesehen als moderater Zuwachs von sechs Prozent interpretieren. Insgesamt ist die Anzahl an Verkehrsunfällen mit Personenschaden um rund vier Prozent gewachsen, wobei man hier auch beachten muss, dass neben den Fußgängern die Pedelec- genauso wie die Fahrradfahrer das schwächste Glied in der Kette ist und somit leichter Schäden in größerem Ausmass erleiden kann.

Verkehrsteilnehmer immer aggressiver

Erst vor wenigen Tagen kamen wie jedes Jahr Experten auf dem Verkehrsgerichtstag in Goslar zusammen und beklagten dort unter anderem eine steigende Rücksichtslosigkeit und Aggressivität im Straßenverkehr. Was oft bei PKWs noch glimpflich ausgeht, kann mit Fahrrädern oder Pedelecs mit schweren Verletzungen oder gar einem Todesfall ausgehen. Hier müssen Nutzer solcher Fahrzeuge einfach doppelt aufpassen und die Fehler anderer Verkehrsteilnehmer, egal ob diese vorsätzlich passieren oder nicht, zum Selbstschutz mit einkalkulieren. Das Tragen von Schutzausrüstung ist dabei obligatorisch.

Tuning von Pedelecs grassiert

Vielen, vor allem jüngeren Menschen sind die normalen Pedelec25 von vornherein zu langsam. Trotzdem möchte kaum jemand wegen der Einschränkungen für S-Pedelecs wie die Versicherungs- und Helmpflicht oder auch das Verbot Radverkehrsanlagen nicht nutzen zu dürfen, auf diese Fahrzeugklasse umschwenken.

Stattdessen behilft man sich sogenannter Tuning-Kits für gängige Antriebssysteme, die entweder per Internet bezogen werden können und selbst eingebaut werden oder deren Einbau sogar durch manchen Fahrradhändler übernommen wird. Über die Tragweite dieser Entscheidung ist sich kaum einer bewusst, denn bei daraus enstehenden Unfällen mit Personenschäden kann neben einer bleibenden Schädigung oder gar Tod des Unfallgegners die eigene Existenz bis hin zur Privatinsolvenz gefährdet sein.

Hauptnutzergruppe immer noch 60+

Trotz der Tatsache, dass sich immer mehr junge Menschen vom Pedelec begeistern lassen und dabei seitens der Hersteller auch ein schier unüberschaubares Angebot an passenden Pedelecs oder E-Mountainbikes vorfinden, besteht die Hauptnutzergruppe von E-Bikes bzw. Pedelecs immer noch aus Senioren mit einem Lebensalter von 60 oder mehr Jahren.

Damit einher geht auch, dass andere Verkehrsteilnehmer diese Gruppe von vornherein als langsam einschätzen und damit die Geschwindigkeit der Senioren auf dem Pedelec unterschätzen. Dies mit fatalen Folgen, da im Alter die Reaktionsfähigkeit und die Erfassung der Umwelteindrücke oft eingeschränkt oder gar verlangsamt ist. Kommen dann noch solche Nachrichten dazu, sehen viele sog. Silverbiker davon ab, trotz der überwiegenden Vorteile auf das Pedelec zu verzichten, wie auch eine Infografik des BMVI (Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur) aufzeigt:

Quelle: BMVI

Neben der Angst vor Unfällen, die ein Fünftel beunruhigt, werden dann noch viele weitere Gründe herausgekramt, die auf Bequemlichkeit und finanziellen Gründen basieren und sich damit eine gesunde und fortschrittliche Art der Fortbewegung verbauen.

Sicherheit hat Priorität

Dabei arbeiten verschiedene Hersteller an weiteren Sicherheitssystemen für Fahrräder und Pedelecs, wie zum Beispiel die Tübinger BrakeForceOne GmbH am ersten eBike ABS (bald in Serie) oder Bosch eBike Systems mit ihrem im Sommer vorgestellten ABS für eBikes, welches serienreif ist und derzeit im Feld getestet wird. Hier dürfte in Zukunft die Entwicklung noch weitergehen und lässt ähnliche Assistenzsysteme erwarten, wie man sie heute schon in einer Vielzahl an Autos finden kann.

Für seine eigene Sicherheit kann man auch selber etwas tun. So empfiehlt es sich, Hauptstraßen zu meiden und, wenn möglich, auf Nebenstraßen oder -routen auszuweichen. Auch das Nutzen von vorhandenen Radwegen sollte unbedingt an oberster Stelle stehen. Nicht selten sieht man auch Rentner mit dem Pedelec auf der Straße fahren, obwohl ein Radweg vorhanden ist, wobei sich diese unnötig in Gefahr begeben.

Dass das Auto neben Schusters Rappen immer noch das beliebteste Verkehrsmittel der Senioren für jede Strecke ist, ist zwar bedauerlich, aber auch bezeichnend für das „Autoland“ Deutschland. Eine weitere Forsa-Umfrage des BMVI lässt demnach das Pedelec als Schlusslicht in der Rangliste der befragten Menschen über 60 Jahren wiederfinden.

Quelle: BMVI

Schulungen können helfen

Für die eigene Sicherheit und das Vertrauen in die Fähigkeiten Pedelec zu fahren, empfiehlt sich der Besuch eines oder gar mehrer Fahr- und Sicherheitstrainings, die von verschiedenen Fahrrad- oder Verkehrsvereinen regelmäßig angeboten werden. Um die dort erworbenen Fähigkeiten dann auch zu behalten, hat sich regelmäßiges Fahren zur Erhalt der Fahrpraxis bestens bewährt.

Pedelec-Fahren lohnt sich immer

Gegenüber dem letzten Jahr hat sich unsere Meinung wie auch unsere Empfehlung nicht geändert. Lassen Sie sich nicht von der negativen Stimmungsmache beeindrucken oder gar einschüchtern, sondern fahren Sie Pedelec.

Fahren Sie dabei umsichtig, rechnen Sie mit Fehlern anderer und überschätzen Sie vor allem nicht Ihr eigenes Können. Je öfter und mehr Sie fahren, desto versierter und geübter werden Sie und können sich daher umso mehr auf das Verkehrsgeschehen konzentrieren.

Bilder: s. Kennz.