Sachverständiger Ernst Brust fordert einen herstellerübergreifenden Zugang zu sicherheitsrelevanten Fahrzeugdaten, um elektronische Fehler und Manipulationen zuverlässiger erkennen zu können.
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Die gemeinsame Reparaturannahme mit Kunden ist ein wichtiger Schritt zur Optimierung von Werkstattabläufen. Bei modernen Pedelecs und elektrisch unterstützten Lastenrädern reicht eine Sichtprüfung nach Ansicht von Ernst Brust jedoch nicht aus. Der öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für Mikromobilität fordert deshalb ein standardisiertes, herstellerübergreifendes Verfahren zur digitalen Fahrzeugdiagnose.

Elektronische Systeme erfordern neue Prüfverfahren

Eine aktuelle Händlerumfrage von SAZbike zeigt, dass 36,2 Prozent der befragten Fahrradbetriebe auf eine gemeinsame Live-Diagnose mit der Kundschaft setzen. Weitere 32,3 Prozent nennen digitale Werkstattsoftware und 31,5 Prozent ein optimiertes Ersatzteilmanagement als Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Werkstattprozesse.

Brust begrüßt diese Entwicklung, sieht bei der technischen Untersuchung moderner Pedelecs allerdings zusätzlichen Handlungsbedarf. Im Gegensatz zu herkömmlichen Fahrrädern verfügen sie über komplexe elektronische Systeme, darunter Motorsteuergeräte, Geschwindigkeits- und Drehmomentsensoren sowie Firmware und digitale Fehler- und Ereignisspeicher. Diese Komponenten beeinflussen das Fahrverhalten und können für die Verkehrssicherheit relevant sein.

Ein äußerlich unauffälliges Fahrzeug kann laut Brust dennoch elektronische Fehler oder Manipulationen aufweisen. Eine einfache Probefahrt oder Rollenprüfung reiche deshalb nicht in jedem Fall aus, um beispielsweise Veränderungen an Geschwindigkeitssignalen oder Eingriffe in elektronische Begrenzungen zuverlässig festzustellen.

Fehlender Datenzugang als Hindernis

Ein wesentliches Problem sieht der Sachverständige in den herstellerspezifischen, teilweise geschlossenen Diagnosesystemen. Unabhängigen Fahrradwerkstätten und Sachverständigen fehle häufig der ausreichende Zugang zu den benötigten Fahrzeugdaten. Damit könnten Betriebe die Verkehrssicherheit beurteilen müssen, ohne über alle erforderlichen technischen Möglichkeiten zu verfügen.

Brust fordert deshalb ein standardisiertes Diagnoseverfahren, das eine eindeutige Fahrzeugidentifikation, das Auslesen sicherheitsrelevanter Betriebsdaten und die Erkennung elektronischer Manipulationen ermöglicht. Dazu gehören aus seiner Sicht auch einheitliche Schnittstellen und Datenformate sowie ein nachvollziehbares Diagnoseprotokoll, das unter anderem Fahrzeugidentifikation, Prüfdatum, Ergebnisse und festgestellte Auffälligkeiten dokumentiert.

Der Datenzugriff müsse sich dabei auf die tatsächlich erforderlichen Informationen beschränken und gegen Missbrauch abgesichert sein.

Wirtschaftlichkeit und unabhängiger Werkstattmarkt

Eine standardisierte digitale Diagnose könnte nach Einschätzung von Brust nicht nur die technische Sicherheit verbessern, sondern auch wirtschaftliche Vorteile für Fahrradbetriebe bringen. Fehler ließen sich möglicherweise schneller erkennen, unnötige Reparaturen vermeiden und Kunden besser beraten. Auch die Dokumentation des Fahrzeugzustands bei Annahme und Übergabe könnte davon profitieren.

Voraussetzung sei allerdings, dass die Verfahren für kleinere Werkstätten technisch und wirtschaftlich zugänglich bleiben. Die digitale Diagnose dürfe nicht dazu führen, dass unabhängige Betriebe vom Reparaturmarkt ausgeschlossen werden.

Besondere Bedeutung bei elektrischen Lastenrädern

Bei elektrisch unterstützten Lastenrädern gewinnt die technische Diagnose nach Ansicht von Brust zusätzlich an Bedeutung. Die Fahrzeuge werden teilweise mit hohen Gesamtmassen betrieben und zunehmend gewerblich für Transportaufgaben eingesetzt. Fehler in der Antriebssteuerung, Sensorik oder Geschwindigkeitsbegrenzung könnten entsprechend schwerwiegende Folgen haben.

Die Entwicklung standardisierter Diagnoseverfahren sollte daher auch im Zusammenhang mit der Normenreihe DIN EN 17860 betrachtet werden. Dabei sei zwischen bereits bestehenden normativen Anforderungen und zusätzlichen Anforderungen zu unterscheiden, die erst entwickelt und abgestimmt werden müssten.

Gemeinsame Initiative der Fahrradbranche gefordert

Brust regt an, dass Fahrradindustrie, Fachhandel, Prüfinstitute, Sachverständige und Normungsgremien gemeinsam klären, welche elektronischen Fahrzeugdaten für Sicherheitsprüfungen erforderlich sind, wie unabhängige Werkstätten darauf zugreifen können und wie sich Manipulationen nachvollziehbar feststellen lassen.

Ernst Brust

Ernst Brust

Auch einheitliche Diagnoseprotokolle und die wirtschaftliche Integration in den Werkstattalltag sollten dabei berücksichtigt werden. Langfristig könnten entsprechende Anforderungen in einem technischen Regelwerk oder einer geeigneten Norm verankert werden.

Die gemeinsame Reparaturannahme bleibe ein sinnvoller Ansatz zur Verbesserung der Werkstattprozesse. Sie allein werde den technischen Anforderungen moderner Pedelecs und Lastenräder jedoch nicht gerecht. Brust wünscht sich deshalb, dass das SAZbikeMagazin das Thema in einer weiterführenden Händlerbefragung aufgreift.

Seine zentrale Forderung: Wer moderne Pedelecs fachgerecht reparieren und ihre Verkehrssicherheit beurteilen soll, müsse auch die Möglichkeit erhalten, deren sicherheitsrelevante elektronische Systeme zu untersuchen. Die digitale Fahrzeugdiagnose dürfe kein ausschließliches Privileg der Hersteller bleiben.

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