Neue Europa-Studie zeigt strukturelle Defizite bei Reparatur, Kinder­sicherheit und wahrgenommener Infrastrukturentwicklung
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Deutschland gilt weiterhin als klassische Fahrradnation. Fast jeder hat hierzulande schon einmal ein Rad besessen, knapp drei Viertel besitzen aktuell eines. Doch eine aktuelle europaweite Studie zeichnet ein differenziertes Bild: Gerade dort, wo das Radfahren fest etabliert ist, treten strukturelle Probleme zutage, die die Nutzung spürbar ausbremsen – allen voran bei Wartung und Reparatur.

Reparaturengpässe bremsen die Nutzung

Eine repräsentative Befragung von 25.000 Menschen in mehr als 25 europäischen Ländern zeigt, dass europaweit rund 121 Millionen Menschen weniger Fahrrad fahren, weil sie Schwierigkeiten beim Zugang zu Reparatur- und Wartungsdiensten haben. Insgesamt sehen sich sogar 212 Millionen Europäer mit entsprechenden Hürden konfrontiert.

In Deutschland ist das Problem besonders ausgeprägt – allerdings anders als in vielen süd- oder osteuropäischen Ländern. Während dort häufig ein Mangel an Fahrradwerkstätten beklagt wird, ist es hierzulande vor allem die fehlende Verfügbarkeit: 33,1 Prozent der Betroffenen nennen lange Wartezeiten im Fachhandel als Hauptproblem. Damit liegt Deutschland europaweit an der Spitze. Insgesamt berichten 46,6 Prozent der Menschen, die jemals ein Fahrrad besessen haben, von Wartungshindernissen.

Die Folgen sind deutlich: Viele versuchen, Reparaturen selbst durchzuführen, andere weichen auf Auto oder öffentliche Verkehrsmittel aus. Mehr als jeder Fünfte fährt seltener Rad, rund 16 Prozent haben ganz aufgehört. Für eine Mobilitätsform, die als Schlüssel für Verkehrswende und Gesundheit gilt, ist das ein alarmierendes Signal.

Kinder fühlen sich zunehmend unsicher

Neben der Service-Infrastruktur rückt die Studie auch die Sicherheit von Kindern in den Fokus. Weniger als zwei Fünftel der Europäer nehmen wahr, dass das Radfahren für Kinder in den vergangenen zwölf Monaten sicherer geworden ist. In Deutschland fällt das Urteil besonders kritisch aus: 65 Prozent der Befragten stimmen der Aussage nicht zu, dass sich die Sicherheit für Kinder verbessert habe.

Damit liegt Deutschland im europäischen Vergleich nur im Mittelfeld und deutlich hinter Ländern wie Polen oder Frankreich, wo der Optimismus wesentlich größer ist. Die Wahrnehmung ist generationsabhängig: Jüngere Befragte fordern vor allem finanzielle Unterstützung für sichere Fahrräder und Schutzausrüstung, während ältere Menschen stärker auf Aufklärung und Verkehrserziehung setzen. Einigkeit besteht jedoch bei einem Punkt: Kinderfreundliche Infrastruktur wird europaweit als wichtigste Maßnahme genannt.

Kaum Dynamik bei der Infrastruktur

Auch bei der Entwicklung der Fahrradinfrastruktur schneidet Deutschland schwach ab. Nur 41 Prozent der Deutschen geben an, dass sich die Infrastruktur in ihrer Region in den letzten zwölf Monaten verbessert habe. Damit zählt Deutschland zu den Ländern mit der geringsten wahrgenommenen Dynamik in Europa.

Auffällig ist eine geschlechtsspezifische Differenz: Frauen bewerten die Entwicklung um acht Prozentpunkte positiver als Männer. Insgesamt zeigt sich jedoch, dass etablierte Fahrradmärkte wie Deutschland, die Niederlande oder Dänemark zunehmend mit hohen Erwartungen ihrer Bevölkerung konfrontiert sind – Verbesserungen werden nicht mehr als Fortschritt wahrgenommen, sondern als selbstverständlich erwartet.

Ein strukturelles Risiko für den Radverkehr

Die Studienautoren sehen darin ein langfristiges Risiko: Wenn Wartung kompliziert bleibt, Reparaturen Wochen dauern und Eltern das Radfahren für ihre Kinder als unsicher empfinden, droht ein schleichender Rückgang der Nutzung. Besonders kritisch ist dabei die Kombination aus hoher Nachfrage und begrenzten Servicekapazitäten.

Der aktuelle Bericht versteht sich daher als Weckruf für Politik, Kommunen und Branche gleichermaßen. Nicht nur neue Radwege entscheiden über die Zukunft des Radfahrens, sondern auch funktionierende Serviceketten und ein Umfeld, in dem Kinder früh und sicher Radfahren lernen können. Ohne diese Grundlagen könnte selbst in einer ausgewiesenen Fahrradnation wie Deutschland die Selbstverständlichkeit des Radfahrens ins Wanken geraten.

Quelle: PM Shimano
Bilder: Shimano