Mit seinem selbst entwickeltem System möchte Continental im Pedelec-Bereich nun richtig Fuss fassen
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Der Automobilzulieferer-Riese Continental mischt ungefähr seit 2013 im eBike-Geschäft mit. Das Conti eBike System (CeBS) wurde erstmals auf der Eurobike 2013 gezeigt (s. a. unsere Fahrt mit einem der ersten Prototypen) und kam in Anschluss als OEM-System auf den Markt. Dahinter steckte allerdings das 36V Brose Antriebssystem, welches in Zusammenarbeit mit Benchmark Drives (von Continental akquiriert) an die Vorgaben und Wünsche von Continental angepasst wurde und zudem mit eigenen Displays und Akkupacks ausgerüstet werden konnte. Es kam bzw. kommt bei mehreren Herstellern wie A2B, eFlow, ROSE oder Maxcycles als Antriebssystem zum Einsatz.

Continental eBike System 2018

Das hier vorgestellte Continental eBike System 2018 ist allerdings eine komplette Neuentwicklung, die den 48V-Standard zu Grunde liegen hat, womit über kleinere Kabelquerschnitte aufgrund der höheren Spannung die gleichen Ströme übertragen werden können. Mit insgesamt zwei Motoren deckt die Continental-Tochter ContiTech jetzt schon ein breites Einsatzgebiet ab, wobei die Antriebe an unterschiedlichsten Pedelecs verbaut werden können.

Die Antriebe werden dabei über eine einheitliche Motoraufnahme am Rahmen angeflanscht, so dass Fahrradhersteller für die Motoren einheitliche Rahmenkonzepte entwerfen können. Das ist vorteilhaft für den Beschaffungsprozess der Rahmen und verringert zudem die Komplexität in der Fertigung.

Als Schlüsselhersteller von Pedelecs, welche die neuen Antriebe von Continental ab Start verwendet und sogleich sein gesamtes Sortiment darauf umgestellt hat, ist die Marke e-bikemanufaktur, die unter dem Dach der Cycle Union arbeitet. Auch ganz neue Hersteller wie Technibike setzen zumindest teilweise die neuen Antriebe von ContiTech ein.

Continental 48V Revolution

Als Weltneuheit vereint der neue 48 V Revolution Antrieb den neu entwickelten, zukunftsträchtigen und kompakten Antriebsmotor, der erstmals in einem Gehäuse mit einem stufenlosen Planetengetriebe (CVP) á la Fallbrooks NuVinci (jetzt Enviolo) kombiniert wurde. Damit ist erstmals ein komplett vollautomatischer Antrieb zusammen mit stufenlosem Schalten möglich, welcher in einem Gehäuse seinen Platz findet.

Andere Hersteller wie Bosch (eShift) oder Shimano (Steps Di2) haben ähnliche Lösungen ebenfalls schon ermöglicht, allerdings war die Schaltung bzw. Nabe dabei immer außerhalb des Antriebsmotors und damit eigenständig. Hier bei Continental wurde alles zusammengefasst und so auf einander abgestimmt, dass ein harmonischer Betrieb möglich ist.

Der Antrieb ist kompakt gehalten, ist dabei aber mit ca. 6,4 Kilogramm etwas schwerer geworden als die bekannten Mittelmotoren. Dafür werden aber am Hinterrad entsprechende Komponenten eingespart, so dass sich dies relativieren und auch in Sachen Wartung positiv zeigen sollte. Zudem kann der Schwerpunkt des E-Bikes damit gut zentriert und niedrig gehalten werden.

Der 48V Revolution Antrieb ermöglicht ein Übersetzungsverhältnis von 380 Prozent, wobei neben der vollautomatischen Schaltung auch eine manuelle Betätigung möglich ist. Für die Automatikfunktion stellt der Fahrer einfach seine gewünschte Trittfrequenz bzw. Kadenz ein und kann dann einfach in seinem Komfortbereich fahren. Beim Anhalten wird automatisch auf einen „niedrigen Gang“ geschaltet.

Satte 70 Newtonmeter Drehmoment bringen die Pedelecs so gut wie jeden Anstieg hinauf, die Energieversorgung kann zum einen über einen aufgesetzten Akku mit 500 Wh oder aber mittels eines im Unterrohr integrierten Akkus erfolgen, welcher 600 Wh bereitstellt. Mit beiden Batterien sollten auch ausgedehnte Touren problemlos machbar sein. Alternative Akkus mit 450 Wh sind laut Katalog ebenso verfügbar.

Der Abtrieb aufs Hinterrad erfolgt über einen wartungsfreien Zahnriemen, bestenfalls aus der Conti Belt Drive Serie, kann aber auch mit Produkten anderer Hersteller wie Gates kombiniert werden. Damit ist man noch wartungsärmer unterwegs als bei diversen anderen Pedelec-Modellen, die derzeit am Markt verfügbar sind.

Für die Konfektionierung des Antriebs stehen diverse Bedienteile (Ergon, Shift oder Wireless) zur Verfügung, ein großes XT-Display bietet alle Funktionen (Navigation, Fitness, Wetter, etc.) ab, die heutzutage von den Kunden erwartet werden. Die Bluetooth-Verbindung (4.0 LE) mit dem Smartphone des Nutzers ist dabei obligatorisch und bringt eine eigene Connectivity Lösung mit. Für den Fachhandel bzw. Fahrradhersteller ist auch ein Service per spezieller Servicesoftware CONTI® eBike Analytics möglich.

Die Daten des Continental 48V Revolution Mittelmotors im Überblick:

  • 48V Mittelmotor mit stufenlosem Automatikgetriebe
  • 250 W Leistung mit 70 Nm Drehmoment
  • Automatischer and manueller Schaltmodus
  • 380 % Übersetzungsverhältnis
  • 6,4 Kilogramm Gewicht

Von der Präsentation des neuen Antriebssystems haben wir auf der Eurobike ein Video gemacht. Die Bildqualität ist dabei leider nicht so gut geworden 🙁 , trotzdem möchten wir es hier nicht vorenthalten:

Der Conti 48V Revolution Antrieb wird vorzugsweise in City-eBikes und E-Trekkingbikes zum Einsatz kommen, wo er alle seine Vorteile ausspielen kann. Zusätzlich für E-Mountainbikes könnte sich eher der Antrieb eignen, welcher im folgenden Abschnitt vorgestellt wird. Ob er jemals in einem verbaut wird, bleibt die Sache der Fahrradhersteller.

Continental 48V Prime

Als zweiten Antrieb stellte Continental an seinem Stand also auch den 48V Prime Antrieb vor, welcher sich für die Kombination mit klassischen Schalttechnologien eignet. Er baut noch etwas kompakter und wiegt dabei nur ganz knapp über vier Kilogramm. Auch ohne Motorunterstützung soll sich der neue Antrieb widerstandsfrei fahren lassen.

Hinsichtlich Akkus und Systemkomponenten greift der Antrieb auf dieselbe oben beschriebene Auswahl zurück und kann damit seitens der Pedelec-Hersteller je nach Wunsch angepasst werden. Dank der kompakten Größe sind auch Modelle mit kurzen Kettenstreben und damit agilem Fahrverhalten möglich.

Die Daten des Continental 48V Prime Mittelmotors im Überblick:

  • 48V Mittelmotor
  • 250 W Leistung mit 70 Nm Drehmoment
  • Widerstandsfreies Fahren auch ohne Motorunterstützung
  • 4,09 Kilogramm Gewicht

Weitere Highlights vom Continental-Stand

Weiter waren an diversen Ausstellungsmodellen jeweils ein unterschiedliches ABS-System verbaut. Davon stammte eines von Brake Force One (BFO), welches auf Vorder- und Hinterrad wirken kann und schon kurz vor der Serienreife steht.

Ein anderes ABS-System erinnerte an das im letzten Sommer vorgestellte Bosch eBike ABS und war ebenso wie dieses durch eine Steuerungseinheit unter dem vorderen Scheinwerfer erkennbar. Dieses System wurde von Continental selbst entwickelt und soll ebenso kurz vor der Serienreife stehen.

Es wirkt ebenfalls nur auf das Vorderrad und kann so ein Blockieren bzw. Überbremsen des Vorderrades wirksam verhindern. Abgeleitet wurde es von aktuellen ABS-Systemen für Motorräder. Wann die Systeme dann in Serie verbaut werden, ist bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht bekannt.

Die neue, integrierte Unterrohrbatterie ist zudem mit Bluetooth bzw. ANT+ ausgerüstet und kann über eine LED-Folie direkt bedient werden. somit ist man nicht auf ein bestimmtes Display angewiesen und kann das Continental eBike System 2018 sogar allein über das Smartphone-Display bedienen, wenn man dies möchte.

Alternativ stehen diverse Bedienelemente zur Auswahl wie zum Beispiel die von Ergon entwickelte Bedieneinheit, die direkt am Lenkergriff montiert, eine unübertroffen intuitive Bedienung zulässt. Weiter gibt es noch ein Bedienelement mit Joystick oder ein kabelloses Exemplar, das per Bluetooth angebunden werden kann.

Ausblick oder was macht die Konkurrenz?

Die Konkurrenz schläft nicht. Wie wir in einem vor kurzem veröffentlichten Artikel geschrieben hatten, ist auch Bosch daran, Motor und Schaltung auf diverse Arten in einem kompakten Gehäuse zu vereinen.

Auch ein ähnliches Patent, welches an die 48V Revolution Technologie erinnert, hat man vor einiger Zeit angemeldet, aber bisher nicht umgesetzt. In einem weiteren Patent nutzt Bosch Teile des Planetengetriebes als Gehäuseteile, was sich hinsichtlich Gewicht durchaus vorteilhaft zeigen könnte.

Viele Menschen in Deutschland sind bisher noch überhaupt kein eBike gefahren, auch weil sie vielleicht vor technischen Hürden stehen oder lange nicht mehr Fahrrad gefahren sind. Hier bieten sich solche automatisch funktionierenden Systeme geradezu an. Das wissen alle Entwickler, die sich mit der Thematik auseinandersetzen.

Fazit

Ein ganzes Team an Entwicklern hat Continental für die Konstruktion der 48-er Serie über einen langen Zeitraum beschäftigt. Dabei waren auch die Zulieferer wie Ergon oder Fallbrook Technologies (NuVinci) mit eingebunden. Das Ergebnis überzeugt, denn herausgekommen ist in komplett rundes System, welches durchdacht ist und die Bedürfnisse vieler jetziger und zukünftiger Nutzer abdecken kann.

Wir sind gespannt, welche Neuerungen auch in Sachen eBike-Sicherheit noch von Continental vorgestellt werden. Das Know-How hat das Unternehmen auf jeden Fall.

Alle weiteren Informationen unter www.contitech.de.