Mit zwei Fachveranstaltungen und rund 380 Teilnehmenden haben ZIV, VSF und Zukunft Fahrrad in Berlin ein neues Branchenformat gestartet. Im Mittelpunkt standen technische und regulatorische Herausforderungen, neue Geschäftsmodelle und die Frage, wie die Fahrradwirtschaft wieder stärker wachsen kann. Doch der Anspruch, die Zukunft Deutschlands und Europas mitzugestalten, wirft auch Fragen nach Repräsentativität, internationaler Ausrichtung und der richtigen Wettbewerbsstrategie auf.
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Die deutsche Fahrradwirtschaft will ihre Zukunft stärker gemeinsam gestalten. Das wurde Anfang November in Berlin deutlich. Vom 3. bis 4. November fand zunächst die vierte ZIV-Technik-Konferenz statt, bevor am 5. November die erste towards tomorrow – Cycling Industry Convention folgte. Hinter dem neuen Branchenformat stehen der Verbund Service und Fahrrad (VSF), der ZIV – Die Fahrradindustrie und Zukunft Fahrrad.

Rund 130 Fachleute aus Industrie, Forschung, Marktaufsicht und Behörden nahmen an der Technik-Konferenz teil. Zur anschließenden Cycling Industry Convention kamen nach Angaben der Veranstalter rund 250 Teilnehmende. Damit deckten die beiden kostenpflichtigen Veranstaltungen unterschiedliche Bereiche der Wertschöpfungskette ab: von Herstellern und Zulieferern über Handel und Werkstätten bis zu Leasing- und Serviceanbietern.

Digitalisierung, Produktsicherheit und technische Standards

Die ZIV-Technik-Konferenz widmete sich zunächst der Digitalisierung. Im Mittelpunkt standen Datenökosysteme, digitale Produktinformationen und der kommende Batteriepass. Das Praxisprojekt Bike-X beschäftigte sich mit den Möglichkeiten eines gemeinsamen Datenaustauschs innerhalb der Branche. Ergänzend ging es darum, wie strukturierte Produktdaten künftig Handel, Service und die Erfüllung regulatorischer Anforderungen unterstützen können.

ZIV | Technik Konferenz am 4. November 2026 © Dirk Michael Deckbar | +491723108973 | Mail@deckbar.de |

Das Thema ist für die gesamte Fahrradwirtschaft relevant. Ohne einheitliche Datenstrukturen und offene Schnittstellen drohen neue Insellösungen, die den digitalen Fortschritt eher behindern als fördern. Gerade Hersteller, Handel und Softwareanbieter müssen hier zusammenarbeiten. Der Batteriepass verdeutlicht zusätzlich, dass die Digitalisierung zunehmend auch eine Frage der Produktverantwortung und der regulatorischen Compliance wird.

Der zweite Konferenztag rückte die Sicherheit bereits verkaufter Produkte in den Mittelpunkt. Hersteller müssen mögliche Risiken im Markt beobachten, bewerten und bei Bedarf Rückrufe organisieren. Diskutiert wurden rechtliche Grundlagen, praktische Abläufe und die Anforderungen an Meldungen über das europäische Schnellwarnsystem Safety Gate. Auch die Frage, wie Unternehmen ihre Kunden im Ernstfall erreichen können, spielte eine Rolle. Anders als bei Kraftfahrzeugen existiert für Fahrräder kein vergleichbares zentrales Register.

ZIV | Technik Konferenz am 4. November 2026 © Dirk Michael Deckbar | +491723108973 | Mail@deckbar.de |

Ergänzend ging es um die systematische Untersuchung von Fahrradsicherheit anhand von Unfalldaten und Crashsimulationen. Das unterstreicht, dass Produktsicherheit nicht allein durch die Einhaltung von Normen gewährleistet wird, sondern auch eine kontinuierliche Beobachtung der tatsächlichen Nutzung und möglicher Schadensfälle voraussetzt.

Ein weiterer Schwerpunkt waren moderne Bremssysteme. Vertreter von Bosch eBike Systems, MAGURA und der Hochschule Pforzheim beschäftigten sich mit der Frage, warum Technologien wie ABS und Kombibremssysteme ihr Sicherheitspotenzial bislang nicht flächendeckend entfalten. Neben der technischen Leistungsfähigkeit spielen dabei auch Nutzerverhalten, Bedienbarkeit, Kosten und Marktakzeptanz eine Rolle.

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In weiteren Arbeitsrunden standen die Erkennung und Verhinderung von Pedelec-Manipulationen sowie die Auswirkungen neuer technischer Entwicklungen auf bestehende Sicherheitsnormen auf dem Programm. Ein konkretes Beispiel ist der Trend zu 32-Zoll-Laufrädern, für die etablierte Prüf- und Normungsgrundlagen möglicherweise angepasst werden müssen. Hier zeigt sich ein grundsätzliches Spannungsfeld: Normen sollen Sicherheit gewährleisten, müssen aber gleichzeitig mit technischen Entwicklungen Schritt halten.

Neue Zielgruppen und Geschäftsmodelle im Mittelpunkt

Die Cycling Industry Convention nahm stärker die wirtschaftlichen Perspektiven der Fahrradwirtschaft in den Blick. Eine zentrale Frage lautete, wie sich neue Zielgruppen gewinnen lassen. ZIV-Geschäftsführer Burkhard Stork verwies darauf, dass der Anteil des Fahrrads an allen zurückgelegten Wegen stagniere. In den vergangenen Jahren habe die Branche nicht ausreichend neue Menschen zum Radfahren bewegen können. Dass bestehende Radfahrende zunehmend auf E-Bikes umsteigen, reiche für eine nachhaltige Ausweitung des Gesamtmarktes nicht aus.

towards tomorrow – Cycling Industry Convention 2026 | Gemeinsame Veranstaltung von VSF, ZIV und Zukunft Fahrrad © Dirk Michael Deckbar | +491723108973 | Mail@deckbar.de |

Damit spricht der Verband eine wesentliche Herausforderung an. Die Fahrradwirtschaft muss stärker verstehen, weshalb Menschen bislang nicht oder nur selten Fahrrad fahren. Sicherheit, Infrastruktur, Alltagstauglichkeit und die gezielte Ansprache neuer Nutzergruppen gehören dabei ebenso zur Betrachtung wie Produktinnovationen. Allerdings liegt gerade bei der Infrastruktur ein erheblicher Teil der Verantwortung außerhalb der Branche.

Ein weiterer Schwerpunkt war der Wandel der Geschäftsmodelle. Vertreter von Rebike, JobRad, Riese & Müller und weiteren Unternehmen diskutierten die Perspektiven von Leasing und Gebrauchtmarkt. Die Entwicklung zeigt, dass sich die Fahrradwirtschaft zunehmend vom reinen Neuradverkauf lösen muss. Rücknahme, Wiedervermarktung, Versicherung und Service gewinnen entlang des gesamten Produktlebenszyklus an Bedeutung.

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Auch der Fachhandel und seine Werkstätten standen im Fokus. Die Veranstalter sehen in der Servicequalität einen entscheidenden Faktor für die langfristige Kundenbindung. Bessere digitale Abläufe zwischen Handel, Leasing und Versicherung sowie Investitionen in Fachkräfte sollen dazu beitragen, die Leistungsfähigkeit des stationären Handels zu stärken. Das ist ein wichtiger Ansatz, denn die tatsächliche Alltagstauglichkeit eines Fahrrads entscheidet sich nicht allein beim Kauf, sondern auch über Wartung, Reparatur und Verfügbarkeit von Ersatzteilen.

Weitere Diskussionen betrafen den Erhalt des EPAC-Status als Fahrrad. Die Branche möchte verhindern, dass elektrisch unterstützte Fahrräder regulatorisch zunehmend in die Nähe von Kraftfahrzeugen rücken. Hier treffen wirtschaftliche Interessen auf verkehrspolitische und gesellschaftliche Fragen. Entscheidend wird sein, dass die Abgrenzung auch künftig anhand nachvollziehbarer technischer und rechtlicher Kriterien erfolgt.

Meinung: Der Schulterschluss muss sich erst noch beweisen

Dass sich ZIV, VSF und Zukunft Fahrrad gemeinsam für ein neues Veranstaltungsformat engagieren, ist zunächst ein positives Signal. Die Fahrradwirtschaft steht vor strukturellen Herausforderungen, die sich nicht entlang einzelner Unternehmensinteressen lösen lassen. Digitalisierung, Gebrauchtmarkt, Leasing, Versicherung, Werkstatt und Handel sind längst miteinander verflochten. Gemeinsame Standards und abgestimmte Prozesse können deshalb einen konkreten Mehrwert schaffen.

Allerdings sind zwei kostenpflichtige Veranstaltungen mit insgesamt rund 380 Teilnehmenden noch kein Beleg dafür, dass die Branche tatsächlich geschlossen auftritt. Welche Hersteller, Händler und Marktteilnehmer waren vertreten, welche Perspektiven fehlten? Und wie werden diejenigen eingebunden, die nicht vor Ort waren? Wer den Anspruch erhebt, die Zukunft der deutschen und europäischen Fahrradwirtschaft mitzugestalten, muss sich auch an der Breite seiner Beteiligung messen lassen.

Über die Zusammensetzung der Teilnehmenden hinaus stellt sich die Frage nach der strategischen Ausrichtung der Branche. Der ZIV hat bereits im Oktober 2026 ein Positionspapier zu China als systemischem Wettbewerber veröffentlicht. Darin bekennt sich der Verband zwar zum offenen Handel und zur konsequenten Anwendung der geltenden Handelsregeln, spricht sich zugleich aber unter anderem für eine Prüfung der Ausweitung von Antidumpingmaßnahmen auf Fahrradkomponenten, eine Weiterentwicklung technischer Regulierungen und einen stärkeren europäischen Fußabdruck in der Wertschöpfung aus. Auch wenn diese Position nicht als Thema der beiden Berliner Veranstaltungen dokumentiert ist, gehört sie zur wirtschaftspolitischen Einordnung eines Formats, an dem der ZIV maßgeblich beteiligt ist.

Die Forderung nach fairen Wettbewerbsbedingungen ist nachvollziehbar. Allerdings sollte Marktschutz nicht mit industrieller Stärke verwechselt werden. Die jahrzehntelangen Antidumpingmaßnahmen gegen chinesische Fahrräder werfen zumindest die Frage auf, inwieweit solche Instrumente tatsächlich dazu beitragen, eine international wettbewerbsfähige europäische Produktion aufzubauen. Entscheidend sind letztlich auch Innovation, wettbewerbsfähige Produkte, leistungsfähige Lieferketten und die Bereitschaft, sich dem internationalen Wettbewerb zu stellen. Eine Plattform, die die Zukunft der Branche gestalten möchte, sollte auch unterschiedliche wirtschaftspolitische Ansätze offen diskutieren.

Die Fachkonferenzen sind Teil eines größeren Konzepts: Ergänzend zur towards tomorrow – Cycling Industry Convention soll ab 2027 die European Bike Show in Köln als neue europäische Leitmesse etabliert werden. Damit verfolgen die Initiatoren den Anspruch, dem fachlichen Austausch eine gemeinsame Plattform für Hersteller, Zulieferer, Handel und Dienstleister an die Seite zu stellen. Das kann eine sinnvolle Ergänzung sein. Allerdings ist europäische Ausrichtung nicht gleichbedeutend mit globaler Reichweite.

towards tomorrow – Cycling Industry Convention 2026 | Gemeinsame Veranstaltung von VSF, ZIV und Zukunft Fahrrad © Dirk Michael Deckbar | +491723108973 | Mail@deckbar.de |

Die Fahrradwirtschaft ist international verflochten, ihre Märkte, Lieferketten und Wettbewerber reichen weit über Europa hinaus. Eine europäische Leitmesse kann wichtige Impulse setzen und die Position der hiesigen Industrie stärken. Ob sie zugleich die internationale Begegnungs- und Orientierungsfunktion einer globalen Branchenplattform übernehmen kann, muss sich erst zeigen. Eine starke Fahrradwirtschaft braucht beides: einen intensiven europäischen Schulterschluss und den offenen Austausch mit der internationalen Branche.

Der Auftakt von towards tomorrow ist damit ein Anfang, aber noch kein Beleg für einen tatsächlich vollzogenen Schulterschluss. Entscheidend wird sein, ob aus den formulierten Ansprüchen konkrete Kooperationen entstehen, unterschiedliche Marktpositionen Gehör finden und die Branche ihre Zukunft nicht nur gemeinsam diskutiert, sondern auch im globalen Wettbewerb gestaltet.

Fortsetzung 2027 geplant

Die Veranstalter wollen das Format 2027 mit der towards tomorrow – Tech Conference und auch der anschließenden Convention fortsetzen. Damit bleibt eine Plattform für den technischen Austausch zu Digitalisierung, Produktsicherheit und Normung bestehen. Ob daraus langfristig ein branchenübergreifendes Format mit internationaler Strahlkraft wird, hängt allerdings davon ab, wie offen sich die Veranstaltung für weitere Marktteilnehmer und unterschiedliche Positionen entwickelt.