Spezialräder können Menschen dabei helfen, auch im Alter oder nach schweren Erkrankungen mobil zu bleiben. Dennoch bestehen gegenüber Dreirädern und anderen besonderen Fahrradkonzepten weiterhin Vorbehalte. Die Roadshow „Stabil mobil“ setzt deshalb auf praktische Erfahrungen: Im Herbst 2026 machte die Initiative von Cargobike.jetzt an 15 Orten in Deutschland Station und bot Interessierten die Möglichkeit, verschiedene Modelle auszuprobieren. Wie groß das Interesse ausfallen kann, zeigte ein Termin in Neumarkt in der Oberpfalz.
Testen statt nur informieren
Mitten in der Fußgängerzone, auf dem Rathausplatz, standen sieben Spezialräder für Probefahrten bereit. Ein örtlicher Spezialrad-Händler ergänzte das Angebot um weitere Modelle und fachliche Beratung. Trotz kühler Herbsttemperaturen war das dreiköpfige Team gut beschäftigt. Die Nachfrage fiel allerdings nicht überall gleich aus. Während an einem Standort nur eine Person die Räder ausprobierte, war an einem anderen die Ausgabe der Testräder kaum zu bewältigen.
Wolfram Hartmann, der die Roadshow betreut, beobachtet eine zunehmende Aufgeschlossenheit gegenüber dem Thema. Viele Menschen wollten die Räder zunächst selbst erleben, statt sich allein anhand von Informationen ein Urteil zu bilden. Gerade für Personen, die mit einem herkömmlichen E-Bike nicht mehr zurechtkommen, kann eine Probefahrt neue Perspektiven eröffnen.
Individuelle Bedürfnisse entscheiden
Eine Besucherin um die 70 Jahre hatte eine rund einstündige Anreise auf sich genommen. Nach einer schweren Erkrankung erschwerten ihr eingeschränkte Haltekräfte in den Armen und Taubheitsgefühle in den Händen das Radfahren. Für kurze innerstädtische Strecken war sie deshalb bislang auf das Auto angewiesen. Sie wollte wieder häufiger Rad fahren, um im Alltag mobil zu sein und ihre körperliche Fitness zu verbessern.
Zunächst probierte sie das Sesseldreirad Delta tx des hessischen Herstellers HP Velotechnik aus. Nach einer ausführlichen Einweisung wich ihre anfängliche Skepsis schnell dem Interesse. Besonders das Sicherheitsgefühl überzeugte sie: Weil das Dreirad nicht umkippen kann, fühlte sie sich auf Anhieb wohl.
Beim anschließenden Test des Easy Rider Compact von Van Raam zeigte sich dagegen, wie wichtig die Abstimmung zwischen Rad und Fahrer ist. Das kleinere Modell mit 16-Zoll-Vorderrad bereitete ihr auf dem Kopfsteinpflaster Schwierigkeiten.
Hartmann erläuterte, dass sich Spezialräder häufig an individuelle Anforderungen anpassen lassen, etwa durch andere Lenkerformen oder zusätzliche Halterungen. Welche Änderungen im konkreten Fall sinnvoll wären, müsste geprüft werden.
Die Erfahrungen verdeutlichen, dass nicht allein das Fahrradkonzept über den Erfolg entscheidet. Erst wenn Sitzposition, Bedienung und Ausstattung zu den körperlichen Voraussetzungen passen, lassen sich die Vorteile im Alltag erfahren.
Begeisterung trifft auf praktische Hürden
Das Interesse in Neumarkt beschränkte sich nicht auf ältere Menschen. Auch eine jüngere Frau mit Rollator ließ sich beraten. Ein älterer Besucher testete mehrere Modelle, während ein Ehepaar Informationen und Fahreindrücke für seine Eltern sammelte.
Für Begeisterung sorgte unter anderem das Scorpion plus von HP Velotechnik. Das Dreirad mit zwei Vorderrädern und einem Hinterrad ermöglicht eine sportliche Fahrweise und lässt sich präzise durch Kurven steuern. Der erhöhte Sitz erleichtert den Einstieg und bietet eine aufrechte Sitzposition. Eine Testfahrerin brachte ihre Freude auf den Punkt: Das Rad mache richtig süchtig.
Doch neben Fahreigenschaften und Komfort beschäftigte die Interessierten eine ganz praktische Frage: Wo lässt sich ein Spezialrad abstellen? Gerade in Mietshäusern fehlt häufig der notwendige Platz. Zwar können einige Modelle zusammengeklappt oder senkrecht geparkt werden. Das ist jedoch nicht immer für den täglichen Gebrauch geeignet und kann zusätzliche Kraft erfordern.
Hartmann sieht deshalb auch Vermieter und Kommunen in der Verantwortung. Sie müssten Abstellmöglichkeiten schaffen, die unterschiedliche Fahrradtypen berücksichtigen. Denn ein Rad, das sich während der Fahrt bewährt, ist im Alltag nur dann eine praktikable Lösung, wenn es auch sicher und bequem untergebracht werden kann.
Kompaktrad als Alternative
Neben den Spezialrädern stand in Neumarkt auch ein E-Kompaktbike der Kölner Marke I zur Verfügung. Das Konzept verbindet Eigenschaften eines herkömmlichen Fahrrads mit Merkmalen, die den Umgang im Alltag erleichtern sollen. Kleine, breite 20-Zoll-Räder sorgen für einen tiefen Schwerpunkt, ein tiefer Rahmendurchstieg erleichtert das Aufsteigen. Ein drehbarer Lenker und einklappbare Pedale ermöglichen zudem eine platzsparende Unterbringung.
Bei den Skyfly-Modellen setzt I auf einen Carbonrahmen. Dadurch liegt das Gewicht unter 20 Kilogramm. Für die Besucherin war das ein wesentlicher Vorteil, weil sich das Rad so auch über eine Bordsteinkante oder eine Treppenstufe heben lässt.
Nach rund eineinhalb Stunden Beratung und Probefahrten fiel ihr Fazit positiv aus. Sie erwog ernsthaft den Kauf eines Kompaktrads, allerdings mit Rücktrittbremse als zusätzlicher Bremsmöglichkeit für den Fall, dass ihre Finger während der Fahrt taub werden. Künftig möchte sie ihre wöchentlichen Radfahrten schrittweise wieder steigern.
Leihangebote könnten Einstieg erleichtern
Die Veranstaltung hatte die Besucherin erstmals dazu gebracht, sich intensiver mit dem Kauf eines Spezialrads auseinanderzusetzen. Hartmann sieht darin einen Ansatzpunkt für weitere Angebote. Nach dem Vorbild des Lastenrad-Sharings könne ein Leihsystem für Spezialräder Menschen ermöglichen, ein Modell beispielsweise über ein Wochenende im Alltag zu testen.
Die Veranstaltung in Neumarkt zeigt, welches Potenzial in solchen niedrigschwelligen Testmöglichkeiten steckt. Sie machen Unterschiede zwischen den Modellen unmittelbar erfahrbar, helfen bei der Einschätzung individueller Bedürfnisse und können Vorbehalte abbauen.
Damit Spezialräder dauerhaft mehr Menschen erreichen, braucht es jedoch nicht nur Beratung und passende Fahrzeuge, sondern auch praktikable Abstellmöglichkeiten und Wege, die Räder vor einer Kaufentscheidung länger auszuprobieren.











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