Der europäischen Fahrradbranche könnten bis 2032 rund 105.000 zusätzliche Fahrradmechaniker fehlen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse der Initiative NextGen Mechanics und der European Cycling Industries (ECI). Grundlage ist erstmals eine aus Beschäftigungsdaten von Fahrradhändlern abgeleitete Schätzung des tatsächlichen Bedarfs.
Derzeit arbeiten demnach rund 175.000 Fahrradmechaniker in Europa. Bereits heute fehlen nach Berechnungen der Analyse etwa 45.000 Fachkräfte, um die bestehende Nachfrage zu decken. Um den Bedarf bis 2032 einschließlich des Ersatzes ausscheidender Beschäftigter abzudecken, müsste die Zahl der Mechaniker auf knapp 250.000 steigen. Das entspräche einem Wachstum der Belegschaft um rund 40 Prozent.
Fachkräftemangel wirkt sich auf das Radfahren aus
Die Folgen des Mangels reichen laut der Analyse über die Fahrradbranche hinaus. Eine repräsentative Umfrage von Shimano unter 25.000 Menschen in Europa ergab, dass 212 Millionen Menschen auf Hindernisse bei der Wartung ihrer Fahrräder stoßen. 121 Millionen davon fahren deshalb weniger Fahrrad, während 7,6 Millionen Menschen das Radfahren vollständig eingestellt haben.
Gleichzeitig hat sich das Tätigkeitsfeld von Fahrradmechanikern verändert. Moderne Werkstätten müssen unter anderem mit Firmware, Batteriesystemen und digitalen Antrieben umgehen. Nach Einschätzung der Autoren hat sich die berufliche Qualifikation jedoch schneller weiterentwickelt als das Ansehen und die Bezahlung des Berufs. Die Löhne von Fahrradmechanikern liegen demnach in Europa selbst in Ländern mit vergleichsweise guten Bedingungen unter dem nationalen Median für Vollzeitbeschäftigte.
Wie hoch die Fluktuation sein kann, zeigt ein Beispiel aus den Niederlanden. Daten des niederländischen Ausbildungs- und Entwicklungsfonds OOMT zufolge verließen dort 2024 rund 24 Prozent der Mechaniker die Branche. Würde sich eine vergleichbare Quote auf ganz Europa übertragen, könnte der bestehende Fachkräftemangel laut Analyse um weitere 15.000 Beschäftigte steigen.
Auch Sicherheitsaspekte betroffen
Der Mangel an qualifizierten Werkstattkräften hat laut Bericht auch eine sicherheitsrelevante Dimension. Untersuchungen des niederländischen Instituts für Verkehrssicherheitsforschung SWOV ergaben, dass Radfahrer 10 Prozent der Unfälle auf einen mechanischen Defekt zurückführten. Bei 45 Prozent dieser Fälle wurde eine unzureichende Wartung als mitverantwortlich genannt.
Wo professionelle Werkstätten nicht ausreichend verfügbar sind, beobachtet die Analyse zudem einen wachsenden informellen Reparaturmarkt. Dieser umfasst auch illegal veränderte E-Bikes, deren Wartung etablierte Werkstätten teilweise ablehnen.
Europäischer Ausbildungsrahmen geplant
Die ECI will die im Bericht formulierten Empfehlungen künftig über eine neu eingerichtete Education and Skills Expert Group (ESEG) weiterverfolgen. Zu den unmittelbaren Vorhaben gehören eine europaweite Erfassung des Fachkräfte- und Qualifikationsbedarfs sowie die Zusammenarbeit mit Anbietern beruflicher Aus- und Weiterbildung.
Darüber hinaus soll ein standardisierter und wiederholbar einsetzbarer europäischer Ausbildungsrahmen für Fahrradmechaniker entwickelt und gemeinsam mit Städten und Unternehmen erprobt werden.
Insgesamt enthält der Bericht 27 Empfehlungen aus fünf Bereichen. Dazu zählen die Weiterentwicklung der bestehenden Belegschaft, die Gewinnung neuer Fachkräfte, die berufliche Aus- und Weiterbildung, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Fahrradwartung sowie Strukturen für eine koordinierte Umsetzung.
Die Analyse wurde am 30. September beim ECI Summit in Brüssel vorgestellt. Die Initiative NextGen Mechanics, die von Shimano angestoßen wurde und Beiträge aus Industrie, Kommunen, Ausbildung, NGOs und von Mechanikern einbezog, geht dabei in eine dauerhafte Arbeitsgruppe unter dem Dach der ECI über.
Der komplette Bericht findet sich hier.




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