Wie die Sahara den Rhythmus des Rennens bestimmt und der Wüstenwind die Perspektive formt
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Nach den ersten beiden Tagen des Tembaine Desert Rally 2025 nimmt die Sahara die Teilnehmer nun endgültig ganz in Besitz. Die folgenden vier Etappen führten die Fahrerinnen und Fahrer immer tiefer in jene Zone, in der die Wüste nicht mehr Kulisse, sondern Hauptakteur ist – mal gnadenlos, mal magisch, aber immer prägend. Von den ersten Kilometern in Richtung Ksar Ghilane ging es durch einige der anspruchsvollsten Landschaften Tunesiens bis zum finalen Abschnitt zurück in die Zivilisation, wobei sich die Sahara als prägende Kraft dieses außergewöhnlichen E-MTB-Events zeigte – körperlich, technisch und mental. Die folgenden Eindrücke basieren auf offiziellen Informationen, Stimmen der Fahrerinnen und Fahrer sowie der Tagesberichterstattung vor Ort.

Tag 3 – Ksar Ghilane bis Parc de Jebil: Eintritt in den echten Sahara

Der dritte Abschnitt markierte den Übergang vom Einfahren ins eigentliche Wüsten-Erlebnis. Von der Oase Ksar Ghilane bis zum Parc de Jebil wurde der Rally-Charakter deutlich technischer, orientierungsintensiver und körperlich fordernder.

Eine Besonderheit prägte den Tag: Streckenband und GPS-Track zeigten unterschiedliche Linien. Das eine länger, aber mit besser fahrbarem Sand, das andere kürzer, jedoch technisch brutal. Navigation und kühle Energiewirtschaft wurden plötzlich entscheidend.

Die Stimmen im Ziel zeichneten ein klares Bild:

  • James Shirley, Tagessieger: „Ich liebe das Tanzen auf den Dünen… Viele mussten schieben, aber genau das macht es für mich spannend. Ich hoffe nur, dass alle genug Akku haben – sonst wird’s echt hart.
  • Massimo De Bertolis kämpfte vor allem mit der Orientierung im Wind: „Du drehst dich einmal um und bist verloren. Keine Referenzpunkte. Ruhe bewahren, keine Panik – das ist das Geheimnis.
  • Alessandro Da Re schwankte zwischen Verzweiflung und Ehrfurcht: „Ich habe fast eine Nausea von diesen verdammten Dünen… aber in dieser Einsamkeit findest du Frieden.
  • Marco Melandri, der vorsichtig im Eco-Modus startete: „Sonst kommst du nicht an. Schöne, aber richtig harte Etappe.

Zum ersten Mal wurden die Gesamtwertungen deutlich durcheinandergewirbelt.

Tag 4 – Die ikonische Tembaine-Etappe: Die Wüste zeigt ihr wahres Gesicht

Die vierte Etappe ist für viele Teilnehmende „der Moment der Wahrheit“. Der Wechsel von steinigem Terrain zu weich geschwungenen Dünen, begleitet vom goldenen Saharalicht, schuf eine beinahe spirituelle Atmosphäre.

Mirko Pirazzoli, Tagessieger (Rally), sprach von seiner „perfekten Etappe“:
Keine Fehler, gute Beine, die Batterie im Griff – und im Finale konnte ich alles geben.

Die emotionale Dimension wurde besonders spürbar:

  • Angelo Guiducci: „Vielleicht die schönste Etappe der gesamten Ausgabe.
  • Daniela Itri, Indoor-Cycling-Trainerin: „Im Studio erschaffe ich Welten – hier sind sie real. Das geht tief.
  • Jader Giraldi erinnerte daran, dass Abkürzen im Sand nicht immer klug ist: „Der Sahara muss man zuhören.
  • Simone Mazzocco, vom Asphalt kommend, betonte den technischen Anspruch: „Hier entscheidet Technik fast mehr als Kondition.

Die Etappe hinterließ sichtbare Spuren – körperlich wie emotional.

Tag 5 – Camp Abdelmoula: Die mentale Schlüsselprüfung

Der fünfte Tag war weniger von Geschwindigkeit geprägt als von Charakterstärke. Die Route rund um Camp Abdelmoula verlangte kontinuierliche Konzentration im Sand und eine Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen.

Mehrere Fahrer erzählten, dass sie an diesem Tag „innerlich gewachsen“ seien:

  • Giacomo Vinci: „Diese Woche ist mentales Training. Die Wüste zwingt zur Klarheit.
  • Stefano Migliorini, Ex-Weltklasse-Mountainbiker:
    Der Minimalismus hier zeigt dir, wer du bist. Und großen Respekt an die Frauen – diese Bedingungen sind extrem.
  • Teresa Bragaglia, zu ihrem 60. Geburtstag am Start:
    Ich bin stolz wie nie. Die Wüste hat mir gezeigt, wie viel in mir steckt.
  • Daniela Itri: „Das ist ein Kampf mit sich selbst – aber ein erfüllender.

Symbolischer Höhepunkt: Das gemeinsame Pflanzen zweier Zitronenbäume als Zeichen für Nachhaltigkeit und Verbundenheit mit der Region, mitten zwischen Dünen und Stille.

Tag 6 – Finale: Eine Transformation in sechs Akten

Die Schlussetappe führte das Feld zurück zur Zivilisation – zumindest geografisch. Emotional waren viele jedoch weit weg von dem Ort, an dem sie gestartet waren. Es war eine komprimierte Zusammenfassung der gesamten Rally: kleinere Dünen, schnellere Verbindungsstücke und ein anspruchsvoller Navigationspunkt kurz vor Zielschluss.

Der Tenor im Ziel:
Der Sahara hat jede und jeden verändert.

Der neue Gesamtsieger der Rally, Daniele Braidot, brachte es nüchtern auf den Punkt:
Ich wusste nicht, was mich erwartet – und genau deshalb war es so großartig.

Andere fassten ihre Woche so zusammen:

  • Miguel Martinez: „Ich habe alles gegeben. Der Sahara verzeiht keine Fehler.
  • Francesco Rento: „Hier bleibt man alleine mit dem Wüstenwind. Das macht etwas mit einem.
  • Marco Melandri:Die Schmerzen gehören dazu. Am Ende sind es genau diese Momente, die bleiben.
  • Mirko Pirazzoli: „Die Dakar war immer ein Mythos für mich. Hier spüre ich etwas ganz Ähnliches.
  • Samuele Bernardini: „Wenn du denkst, du kennst den Sand, straft er dich sofort Lügen.

Zuschauende berichteten, dass einige Teams noch einmal überraschende Zeiten setzten – offenbar beflügelt vom nahen Etappenende. Gleichzeitig zeigte sich, wie sehr die Tage zuvor an Kräften gezehrt hatten.

Ein Mitglied einer Servicecrew fasste den Abschluss treffend zusammen:
Du siehst es den Leuten an: Niemand kommt hier locker raus. Aber fast jeder kommt stolz raus.

Fazit

Die Tembaine Desert Rally 2025 zeigte erneut, dass sie kein gewöhnliches Etappenrennen ist. Sechs Tage lang prägten Dünen, Wind, Orientierung und mentale Stärke den Rhythmus des Geschehens. Die Sahara erwies sich dabei nicht nur als Schauplatz, sondern als bestimmende Größe – fordernd, wunderschön und ehrlich. Wer hier antritt, sucht nicht nur den sportlichen Vergleich, sondern ein Erlebnis, das weit über Zeitmessung und Platzierungen hinausreicht. Die Rally endet mit Lächeln, Tränen und Umarmungen – ein Erlebnis, das nachhaltig verändert. Ganz im Sinne des Mottos „Let the desert set you free“ verabschiedet sich die Sahara von ihren Fahrerinnen und Fahrern und lädt schon 2026 zur nächsten Auflage ein.

Alle Details mit Ergebnissen gibt es unter www.tembainedesertrally.com.

Was ist mit euch? Würdet ihr euch eine Teilnahme zutrauen?