Die Beschleunigung von Fahrrädern mit Hilfsmotor war bereits vor mehr als 75 Jahren Gegenstand technischer Untersuchungen. Ein historischer Testbericht über den Lutz-Fahrradmotor aus der Ausgabe 20/1949 der MOTOR-Rundschau, den Ernst Brust, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Mikromobilität und Gründer von velotech.de, zur Verfügung gestellt hat, dokumentiert die damaligen Messungen. Neben Fahrzeuggewicht, Verbrauch und Höchstgeschwindigkeit erfasste Dipl.-Ing. Helmut Hütten ausdrücklich auch die Beschleunigungszeit.
Der historische Befund ist auch mit Blick auf die heutige Debatte interessant. Welche technischen Kennwerte sollten bei der Beurteilung und Regulierung von Pedelecs eine Rolle spielen? Diese Frage beschäftigt die Branche weiterhin. Die Messungen von 1949 liefern zwar keine unmittelbare Antwort auf heutige Regulierungsfragen, zeigen aber, dass die Beschleunigung schon früh als technischer Parameter berücksichtigt wurde.
Von 15 auf 30 km/h in neun Sekunden
Das untersuchte Fahrrad verfügte über einen 58-Kubikzentimeter-Zweitaktmotor mit einer angegebenen Leistung von einem PS. Fahrfertig wog das Fahrzeug 36 Kilogramm. Zusammen mit einem angenommenen Fahrergewicht von 75 Kilogramm ergab sich eine Gesamtmasse von 111 Kilogramm.
Für die Beschleunigung von 15 auf 30 km/h ermittelte der Tester eine durchschnittliche Zeit von neun Sekunden. Daraus lässt sich rechnerisch eine mittlere Beschleunigung von rund 0,46 m/s² ableiten. Die Geschwindigkeit nahm in diesem Abschnitt somit durchschnittlich um etwa 1,67 km/h pro Sekunde zu.
Allerdings dokumentiert der historische Bericht nicht die Beschleunigung aus dem Stand. Wie lange das Fahrzeug für den Bereich von 0 auf 30 km/h benötigte und welche maximale Beschleunigung beim Anfahren auftrat, bleibt daher offen. Auch eine damalige Begrenzung der Beschleunigung lässt sich aus dem Test nicht ableiten.
Fahrzeugtechnik als Gesamtsystem betrachtet
Der Bericht beschränkte sich nicht auf die Leistungsdaten des Motors. Der Tester empfahl gute Bremsen beziehungsweise eine Zusatzbremse, starke Speichen und geeignete Bereifung. Auch Rahmen und Gabel sollten stabil und in einwandfreiem Zustand sein.
Für Ernst Brust verdeutlicht die historische Untersuchung die Bedeutung einer umfassenden Fahrzeugbeurteilung. Antrieb, Fahrzeugmasse, Beschleunigung, Bremswirkung und Beherrschbarkeit müssen im Zusammenhang betrachtet werden. Die Leistungsfähigkeit eines Fahrzeugs lässt sich demnach nicht sinnvoll anhand eines einzelnen technischen Werts beurteilen.
Projekt 1,0 untersucht die Anfahrbeschleunigung
Mit dem „Projekt 1,0“ möchte velotech.de die Anfahrbeschleunigung von Pedelecs und E-Scootern systematisch untersuchen. Im Mittelpunkt steht der Vorschlag, die maximale positive Beschleunigung auf den ersten sechs Metern aus dem Stand auf 1,0 m/s² zu begrenzen.
Die wissenschaftliche Validierung und die Entwicklung eines reproduzierbaren Prüfverfahrens stehen allerdings noch aus. Der genannte Wert ist deshalb als Vorschlag zu verstehen, nicht als bestätigter normativer Grenzwert.
Die historischen Messwerte liefern keine unmittelbare Begründung für eine solche Grenze. Eine mittlere Beschleunigung zwischen 15 und 30 km/h ist nicht mit der maximalen Beschleunigung beim Anfahren vergleichbar. Beide Kennwerte beschreiben unterschiedliche Fahrsituationen und lassen sich nicht ohne Weiteres gegeneinander austauschen.
Eine alte Messgröße in einer aktuellen Debatte
Die Frage nach geeigneten technischen Kriterien für die Regulierung von Pedelecs haben wir auch in unserem Magazinbeitrag „Das Pedelec am Scheideweg: Wie Industrieinteressen die Verkehrswende ausbremsen“ aufgegriffen. Darin geht es unter anderem um die Bedeutung der Motorleistung und um den Ansatz, die maximale Beschleunigung stärker in den Mittelpunkt der technischen Bewertung zu rücken.
Der historische Testbericht liefert dafür einen interessanten Rückblick, ohne die heutigen Forderungen nach bestimmten Grenzwerten zu bestätigen. Er belegt, dass die Beschleunigung von Fahrrädern mit Hilfsmotor bereits 1949 gemessen und als technischer Kennwert dokumentiert wurde. Die heutige Diskussion über Pedelecs und E-Scooter kann damit an eine lange Tradition der technischen Fahrzeugbeurteilung anknüpfen.
Quelle: MOTOR-Rundschau, Ausgabe 20/1949, Seite 491; Test: Dipl.-Ing. Helmut Hütten, September 1949. Digitalisat: Heinz Fingerhut / velo-classic




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