Die Insolvenz der Accell Group, einem der führenden Anbieter von E-Bikes und Fahrradkomponenten in Europa, hat die Branche aufgeschreckt. Doch statt einer sofortigen Zerschlagung setzt die Insolvenzverwaltung laut dem ersten Öffentlichen Insolvenzbericht auf eine gezielte Fortführung des Geschäftsbetriebs, um den Wert der Gruppe zu erhalten und eine mögliche Übernahme zu ermöglichen. Zwei zentrale Maßnahmen stehen dabei im Fokus: der Trade Out und der M&A-Prozess. Beide sollen sicherstellen, dass der Betrieb so lange wie möglich aufrechterhalten bleibt – und das, obwohl die Insolvenz bereits am 11. August 2026 erklärt wurde.
Der Trade Out: Verkauf über bestehende Kanäle
Ein zentraler Baustein der Strategie ist der Trade Out, also der Verkauf der vorhandenen Bestände über die etablierten Vertriebskanäle der Accell Group. Hier die wichtigsten Punkte:
- Vereinbarung mit den ABL Financiers: Die Insolvenzverwalter haben mit den Hauptgläubigern, darunter niederländische Großbanken und die Deutsche Bank, eine unterhandelte Vollstreckungsvereinbarung (ABL Enforcement Agreement) geschlossen. Diese sieht vor, dass die verpfändeten Waren – vor allem E-Bikes, Fahrräder und Komponenten – nicht öffentlich versteigert, sondern über die eigene IT-Verkaufsplattform der Accell Group verkauft werden.
- Nutzung bestehender Strukturen: Durch den Verkauf über die gewohnten Kanäle soll eine maximale Erlösgenerierung erreicht werden. Gleichzeitig bleibt der Betrieb für Kunden und Händler so weit wie möglich stabil.
- Temporäre Weiterbeschäftigung: Um den Trade Out zu unterstützen, wurden 65 Mitarbeiter für zwei Monate weiterbeschäftigt. Sie kümmern sich um Logistik, IT und Vertrieb, um den Prozess reibungslos abzuwickeln.
Der M&A-Prozess: Koordinierter Verkauf von Marken und Assets
Parallel zum Trade Out läuft der M&A-Prozess, der den Verkauf von Marken, Assets und möglicherweise sogar ganzer Geschäftseinheiten zum Ziel hat. Hier die wichtigsten Entwicklungen:
- Breites Interesse: Über 300 potenzielle Käufer wurden kontaktiert, darunter Investoren, Wettbewerber und Branchenkenner. Ihnen wurde zunächst eine „Teaser“-Präsentation mit hochrangigen Informationen über die Accell Group und die zum Verkauf stehenden Vermögenswerte zur Verfügung gestellt. 103 Interessenten haben die Bedingungen des Prozessschreibens akzeptiert und eine rückerstattbare Eintrittsgebühr von 20.000 € gezahlt, um Zugang zu einem Datenraum mit detaillierten Unterlagen zu erhalten.
- Deadline und Verhandlungen: Die Frist für die Abgabe nicht-bindender Angebote endete am 31. August 2026. Aktuell laufen Verhandlungen mit den vielversprechendsten Bietern, um die besten Konditionen für die Insolvenzmasse zu erzielen.
- Rolle der SSF Financiers: Die Investmentfonds, die die Senior Facilities Agreement (SSF Facilität) in Höhe von 288 Millionen Euro halten, haben ein Framework Agreement unterzeichnet. Dieses regelt den Verkauf der verpfändeten Assets, insbesondere der Markenrechte. Sollten die eingehenden Angebote nicht zufriedenstellend sein, behalten sich die SSF Financiers vor, selbst ein eigenes Kreditgebot (Credit Bid) abzugeben. Dadurch können sie ihre Position als Gläubiger im Verkaufsprozess strategisch nutzen.
- Koordination mit ausländischen Töchtern: Viele der internationalen Tochtergesellschaften der Accell Group sind auf zentrale Dienstleistungen aus den Niederlanden angewiesen, etwa in den Bereichen IT, Finanzen oder Verträge mit Lieferanten. Die Insolvenz der niederländischen Gesellschaften hat daher direkte Auswirkungen auf die globale Gruppe. Einige ausländische Töchter haben bereits lokale Insolvenzverfahren eingeleitet. Die Insolvenzverwaltung arbeitet daran, die Shared Services während des Verkaufsprozesses aufrechtzuerhalten und die Kosten später auf die Käufer umzulegen.
Offene Punkte mit entscheidendem Einfluss
Trotz der Fortschritte gibt es noch einige ungelöste Fragen, die den weiteren Verlauf der Insolvenz maßgeblich beeinflussen könnten:
- Eigentumsvorbehalte: Rund 60 Lieferanten haben Ansprüche auf Eigentumsvorbehalte angemeldet. Die Insolvenzverwaltung prüft diese Ansprüche und wird bei berechtigten Forderungen die Ware freigeben oder eine angemessene Entschädigung aushandeln.
- Retentions- und Reklamerechte: Einige Gläubiger haben Zurückbehaltungsrechte geltend gemacht. Auch hier läuft die Prüfung durch die Insolvenzverwalter.
- Versicherungen: Die meisten Policen, etwa für Betriebsunterbrechung, Haftpflicht oder Cyberrisiken, waren zum Zeitpunkt der Insolvenz noch aktiv – obwohl die Jahresprämien für 2026/27 noch nicht gezahlt waren. Die Verwalter klären aktuell, welche Deckungen für den Verkaufsprozess notwendig sind und wie die Kosten getragen werden.
- Mietverträge: Die meisten Büro- und Lagerflächen in den Niederlanden wurden gekündigt. Eine Ausnahme bildet der Standort Apeldoorn, da dieser für Logistik und Trade Out von zentraler Bedeutung ist.
Was kommt als Nächstes?
Die Insolvenzverwaltung hat klare Prioritäten für die kommenden Wochen gesetzt:
- Abschluss des M&A-Prozesses: Die Verhandlungen mit den Interessenten sollen zügig vorangetrieben werden, um eine mögliche Übernahme zu ermöglichen.
- Finalisierung des Trade Out: Die Erlöse aus dem Verkauf der Bestände fließen in die Insolvenzmasse und werden zwischen Gläubigern und Insolvenzverwaltung aufgeteilt.
- Klärung der Shared-Services-Kosten: Die Insolvenzverwalter müssen mit den ausländischen Töchtern und potenziellen Käufern eine Lösung finden, wie die Kosten für die zentralen Dienstleistungen getragen werden.
- Prüfung der Rechtmäßigkeit: Es wird geprüft, ob es vor der Insolvenz zu anfechtbaren Transaktionen (z. B. im Rahmen der Paulianischen Anfechtung) gekommen ist.
Fazit
Die Insolvenzverwaltung der Accell Group geht mit einer klaren Strategie vor: Der Geschäftsbetrieb soll so lange wie möglich aufrechterhalten werden, um eine Going-Concern-Lösung zu ermöglichen. Doch der Erfolg hängt von vielen Faktoren ab – nicht zuletzt von der Zusammenarbeit mit Finanziers, Lieferanten und potenziellen Käufern. Sollte der M&A-Prozess scheitern, droht eine Zerschlagung der Gruppe, was für die E-Bike-Branche weitreichende Folgen hätte. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob es gelingt, die Accell Group als Ganzes oder in Teilen zu retten.
Der nächste Bericht soll am 22. Dezember 2026 veröffentlicht werden.



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