Das erste Pedelecs der Welt, das „Dolphin E-Bike“ muss Konkurs melden
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Belächelt wurde das erste Pedelec, als Michael Kutter es 1990 über mehrere Stufen in die Produktion brachte.

Ein Pedelec, dessen Leistung bis heute unerreicht ist. Jetzt zwingen Imageverlust durch Qualitätsmängel des Elektroniklieferanten den Hersteller des ersten fahrbaren Pedelecs der Welt, das „Dolphin E-Bike“, in die Knie.

Welt nicht bereit für Pionierarbeit

Ich konnte nur aufgeben oder es selber machen
Entweder ein Motorrad oder ein Fahrrad wollte die Industrie 1990 sehen. Ein Zwischending wurde damals von niemandem verstanden und es gab daher weder Interessenten für Kooperationen noch Investoren, die an eine Zukunft der Elektrofahrräder glaubten.

Michael Kutter leistete schwerste Pionierarbeit. „Ich konnte nur aufgeben oder es selber machen“, erinnert sich Kutter heute. Als Quereinsteiger kam er weder aus dem Maschinenbau oder aus der Elektroantriebstechnik noch aus der Fahrradmechanik. Ein Entwickler, der Dinge erfasste, die sich anderen nicht erschlossen.

Urtyp des Toyota Prius

Als „Urtyp des Toyota Prius“ bezeichnet Hannes Neupert (1. Vors. ExtraEnergy e.V.) den Antrieb, der nicht nach dem Lehrbuch entstand.

Michael Kutter brach mit den üblichen Vorgehensweisen. Er entwickelte ein „Power Split Getriebe“, bei dem die Muskelkraft und die Elektrokraft im Planetengetriebe des Hinterrades dynamisch gemischt werden.

Das 1990 als Ur Prototyp getestete und später über Jahre weiter entwickelte EVO Getriebe erlaubt eine stufenlos veränderbare Übersetzung zwischen den Tretkurbeln und dem Hinterrad des Pedelecs, sodass z.B. im Stadtverkehr kaum noch mit der dennoch vorhandenen Kettenschaltung geschaltet werden muss.

Diese stufenlose Übersetzung wurde bereits im Ur-Prototyp durch Sensor und Elektronik „automatisiert“. Der Sensor misst, wie viel und wie schnell vom Fahrer in die Pedale getreten wird. Die Elektronik führt die korrekte Regelung aus.

Damit war das erste Pedelec der Welt gebaut und jene Kategorie von über die Tretleistung der FahrerIn gesteuerten Elektrofahrrädern begründet, die heute weltweit einen Boom erlebt.

Bereits beim ersten Renneinsatz zeigte sich eine weitere große Stärke des Antriebs: Er verbindet hohe Geschwindigkeit auf ebener Strecke mit einer unerreichten Bergsteigfähigkeit.

Das Dolphin ermöglicht das Anfahren an beliebig steilen Bergstrecken. Egal ob mit oder ohne Kinderanhänger. Einzige Limits sind Schwerpunkt und Grip der Reifen.

Tour de Sol

Das Fahrzeug war von der Leistung her dem Wettbewerb immer ein Stück voraus. „1990 hat Michael Kuttter mit seinem Team die Konkurrenz auf der Tour de Sol komplett, d.h. über eine Stunde, hinter sich gelassen,“ erinnert sich Neupert an das Solarmobilrennen.

Ursprünglich war die „Tour de Sol“ lediglich als Test gedacht. „Tatsächlich überraschte es uns, dass das Rad am Berg so unglaublich gut ist. Das war für mich das Schlüsselerlebnis, um weiterzumachen“, blickt Kutter zurück.

Auch für Neupert hat das Rennen eine Schlüsselfunktion: „Für mich ist Michael Kutter der lebende Beweis, wie ein Rennen Entwicklungen entscheidend beeinflussen und beispielsweise zur Gründung einer neuen Fahrzeugkategorie und einer Firma führen kann.“

Spitzenwerte im Test

Bis heute ist es das einzige Pedelec, mit dem man mit Kinderanhänger an jedem noch so steilen Berg anfahren kann
Was in dem Dolphin steckt, zeigte das Pedelec im ExtraEnergy Pedelec und E-Bike Test Frühjahr und Herbst 2010. Auf der Tourstrecke erreichte es mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 28,8 km/h bei einer Reichweite von 58,8 km und wurde damit Testsieger in der Produktgruppe Business Pedelec.

„Bis heute ist es das einzige Pedelec, mit dem man mit Kinderanhänger an jedem noch so steilen Berg anfahren kann“, weiß Hannes Neupert aus 22 Jahren Pedelec und E-Bike Testerfahrung. „Mit den jetzigen Akkus erreicht das Dolphin sogar Durchschnittsgeschwindigkeiten von 35 – 40 km/h bei Reichweiten von 60 km“, ergänzt Kutter.

Von der Manufaktur zur Serienproduktion

Der 1990 als Prinzip geborene Antrieb wurde über viele Stufen weiter entwickelt:
In einem vom Bundesamt für Energie mitfinanzierten Forschungsprojekt wurden die damals nicht existenten Komponenten wie Motorsteuerung, Sensorik, Getriebe und Ladegerät entwickelt und in Kleinserie im Rahmen eines Flottenversuchs getestet.

Mit dem „Dolphin“ hat Kutter dann im Jahre 2000 den ersten Schritt zu einer ersten in der Schweiz hergestellten Serie unternommen.

2004 schloss Dolphin E-Bike mit der Firma swizzbee einen Lizenzvertrag ab, die daraufhin in Deutschland eine Produktion aufbaute.

„2008 wurde das Dolphin in allen Details überarbeitet, das Resultat war der Dolphin Express. Ein Fahrzeug, das erstmals zu einem echten Rollerersatz wurde“, erinnert sich Kutter.

Die sensationellen Leistungen dieses Modells bescherten dem Fahrzeug diverse Testsiege im ExtraEnergy Pedelec und E-Bike Test sowie beim Kassensturz, einer Schweizer Fernsehsendung, die sich mit Konsumentenschutz befasst, und nach einem spektakulären Bergrennen gegen Olympiasieger Fabian Cancellara auch endlich ein Verkaufserfolg wurde.

2008 folgte ein Lizenzvertrag mit dem amerikanischen Hersteller Currie Technologies, eine Produktion in China sowie eine Ausrüstung der Los Angeles Police mit dem „Dolphin Express“.

Dem Erfolg setzte jedoch bald ein ernsthafter verdeckter Mangel der in Deutschland entwickelten und produzierten Elektronik ein Ende. Micheal Kutter erinnert sich: „Ein zweijähriger Produktionsstopp mit hohem Personalaufwand für geleistete Garantiearbeiten war die Folge der Mängel des Elektroniklieferanten. Ein Vertrauensbruch, der nie wieder aufgeholt werden konnte.“

Kutter bringt es auf den Punkt: „Ohne große Investitionen und hohe Stückzahlen fehlt im Zulieferbereich das Druckmittel zur Qualitätssicherung. Für kleine Hersteller wird dadurch Industrialisierung im Alleingang sehr schwierig.“

Zukunft liegt in der Entwicklungsdienstleistung

Noch 2013 entwickelte Dolphin E-Bike ein neues Damenmodell mit Batterien, die trotz höherer Kapazität noch leichter waren, und schloss mit einem Partner in der Schweiz einen Produktionsvertrag für eine swiss made Produktion des Dolphin.

Gleichwohl glaubte die Bank nicht mehr an das vielversprechende Geschäftsmodell und zwang die Firma durch Kündigung des Betriebskredites zur Aufgabe des Geschäftes.

„Das Kapitel Manufaktur und Produktion ist für mich abgeschlossen“, resümiert Kutter nach jahrzehntelanger Tätigkeit. Pionierarbeit, die heute dazu geführt hat, dass es den Markt für das Pedelec überhaupt gibt.

„Unsere Stärke liegt in der Entwicklung. Die tragischen Ereignisse zwingen uns zu einer Rückbesinnung auf unsere Kernkompetenz. Darauf wollen wir uns, Simon Weishaupt und ich, nun fokussieren. Zukünftig wollen wir unser Wissen als Entwicklungsdienstleister teilen. Für Kooperationen sind wir offen.“

Kontakt: michael.kutter@dolphin-ebike.ch

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